Charmanter Naivling

München - Sobald er sich aufregt, fällt er schlagartig in Tiefschlaf. Also Vorsicht, wenn Gospodin gähnt... Meistens kann er sich noch gerade so auf den Beinen halten. Aber einmal - er hat ungebetenen Besuch vom Supermarktwerbefritzen -­, sinkt sein Kopf auf die Schulter des Mannes.

Nichts zu machen, Gospodin ist eingeschlafen. Das Publikum hingegen im Münchner Marstall ist hellwach bei dieser Premiere, bei der einfach alles stimmt: ein gutes Stück, drei hinreißende Schauspieler, ein Regisseur, der mit leichter Hand die Geschichte des idealistischen, jungen, sich dem Kapitalismus verweigernden Mannes in Szene setzte. Spielfreude pur, Vergnügen groß.

"Genannt Gospodin" betitelt Philipp Löhle (29) seine kleine Komödie, die vor drei Wochen erst in Bochum uraufgeführt wurde. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der sich ausklinkt aus unserer Geld- und Besitzgesellschaft. Ein Widerständler und liebenswerter Naivling, der nichts braucht, aber alles gibt.

Das kann nicht gut gehen. Die Freundin verlässt ihn, die Freunde nutzen ihn aus, räumen ihm die Wohnung leer. Die Post, die in regelmäßigen Abständen durch den Briefschlitz fällt, bleibt unbeachtet. Unersuchte Arbeitsangebote werden abgelehnt. Geschlafen wird auf Stroh, auf dem einst sein Lama hauste, das ihm Greenpeace weggenommen hat. Und als Gospodin plötzlich eine Tasche voller Tausender zur Aufbewahrung erhält, bricht - bei aller äußeren Ruhe - das Seelenchaos aus. Also rast er durch die Stadt, um die Teufelsscheine irgendwie loszuwerden. Vergeblich. Das Unglück nimmt seinen Lauf: Jeder will etwas von ihm, sogar die Kriminalpolizei . . .

Außer dass diese Geschichte so schön und ihr sich unschuldig wähnender Held fast parsifalmäßig absurd ist, liegt der Spaß dieser Aufführung nicht unwesentlich darin, dass Franziska Rieck wie auch Marcus Calvin sich sozusagen im fliegenden Wechsel mit Bravour durch zwölf Rollen spielen. Eine hinreißende Typengalerie heutiger Zeitgenossen: von der verständnisvollen Freundesfreundin, einer emzipierten Ziege, bis zum schnorrenden Künstler-Chaot und zur stöckelnden Mama. Gut die Idee, die Wege, die Gospodin in der Stadt zurücklegt, als Kinderzeichnung per Overhead-Projektor an die Bühnenrückwand zu werfen. Diese kleine Produktion des Staatsschauspiels ist voll von derart originellen Überraschungen. Die größte aber ist ihr Hauptdarsteller. Shenja Lacher, ein Schauspieler, der das Hitzköpfige, das Feuer, die Selbstgewissheit, den Eifer und vor allem den Charme der Jugend ausstrahlt. Kaum lassen sich hier Künstler und Rolle unterscheiden. Beide scheinen eins zu sein. Aber das macht nichts. Diesmal ist es einfach nur erfrischend schön.

Nächste Vorstellungen: 14., 15., 17., 23. November.

Die Handlung

Das Lama wurde ihm genommen. Die Einnahmequelle ist futsch. Nun will Gospodin ganz auf Geld verzichten. Unverhofft wird ihm aber eine Geldbeute zur Aufbewahrung überlassen.

Die Besetzung

Regie: Jan Philipp Gloger. Bühne: Franziska Bornkamm. Kostüme: Karin Jud. Darsteller: Franziska Rieck und Marcus Calvin (diverse Rollen), Shenja Lacher (Gospodin).

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