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Noch weiß er, wo ihm der Kopf steht: Christian Stückl inszeniert Hochhuths „Stellvertreter“ und lässt seinen Star Maximilian Brückner als Regisseur debütieren.

Der Chef und sein Stellvertreter

München - Der Münchner Volkstheater-Intendant Christian Stückl spricht über die Spielzeit 2012, Highlights und seine Pläne.

Man kennt ihn ja generell nur energiegeladen, den Münchner Volkstheater-Intendanten Christian Stückl. Genauso gab er auch jetzt die Pläne für die neue, seine zehnte Saison bekannt – gut gelaunt zurück aus seinem Lieblingsurlaubsland Indien und mit den anspornenden Erfolgszahlen von 2010/11 im Rücken: Es war mit 110 698 Besuchern und 85 Prozent Platzauslastung die wirtschaftlich erfolgreichste Spielzeit unter Stückls Intendanz.

Dass sein Haus weiterhin junges Publikum anzieht – Schüler und Studenten haben einen Kartenanteil von 25 Prozent –, freut ihn besonders. Im gleichen Atemzug lässt er wissen, dass er auch 2012 das beliebte, allerdings jeweils von Sponsoren abhängige Festival „Radikal Jung“ veranstalten kann. Dieses Festival, das junge Regisseure anderer renommierter Bühnen in München vorstellt, ist nicht nur ein Publikumsrenner. Stückl findet dort auch für sein Haus Regie-Nachwuchstalente.

So den Serben Milo(s) Lolic, der die neue Spielzeit mit Federico Garcia Lorcas „Bluthochzeit“ eröffnet; außerdem Nicole Oder, die im Juni 2012 „Der falsche Inder“ nach einem Roman des Exil-Irakers Abbas Khider inszenieren wird. Khider, 1973 in Bagdad geboren, floh nach Verurteilung aufgrund „politischer Motive“ und einer zweijährigen Haftstrafe aus dem Irak und hat seine Erlebnisse als Flüchtling in verschiedenen Ländern in seinem Roman verarbeitet. Mit dieser Produktion macht Stückl dem ihm gerade (für „die Öffnung der Passion“) verliehenen Ehrenpreis des Oberbayerischen Integrationspreises alle Ehre.

Dass er, bei aller Entdeckungsfreude, auch seine Regisseure pflegt, zeigt sich bei Bettina Bruinier. Nach vier Inszenierungen in vier Spielzeiten ist sie diesmal im Herbst und im nächsten Frühjahr dabei (siehe Kasten).

Dann sollte noch „ein bayerischer Stoff“ her, ein Stück, das an den Riesenerfolg des „Brandner Kaspar“ anknüpfen könnte. Die Wahl fiel auf Ludwigs Thomas „Magdalena“, der sich nun der bejubelte „Boandlkramer“ alias Maximilian Brückner bei seinem Regie-Debüt widmet. Stückl selbst verfiel auf Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“, worüber eine seiner beiden neuen Dramaturginnen mit „so eine olle Kamelle“ reagierte. Stückl lachend: „Ich finde es aber sehr spannend herauszufinden, wer in diesem Stück der eigentliche Stellvertreter ist, der Papst oder Jesuitenpater Riccardo Fontana.“ Dieser Pater bat im Vatikan, vergeblich, um Hilfe gegen die Deportation der Juden und ging dann freiwillig ins KZ.

Der Spielplan wird mithin kontrast- und abwechslungsreich. Und unter den Schauspielern sind auch neue Gesichter zu entdecken: Oliver Möller, unter anderem schon am Bayerischen Staatsschauspiel engagiert, und die jungen Darsteller Pascal Riedel, Lena Schultze, Max Wagner und Mara Widman. Apropos, wer mal hinter und auf die Bühne möchte: Der BackstageKlub geht in die siebte Runde. Geplant ist ein Theaterprojekt mit Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren. Anmeldung: backstageklub@web.de.

Malve Gradinger

Premieren und andere Höhepunkte:

„Bluthochzeit“ von Federico García Lorca,

Regie: Milo(s) Lolic (28. 9. 2011);

„Solaris“ nach dem Roman von Stanislaw Lem,

Regie: Bettina Bruinier (24. 11. 2011);

„Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth,

Regie: Christian Stückl (19. 1. 2012);

„Magdalena“ von Ludwig Thoma,

Regie: Maximilian Brückner (Januar 2012);

„Unendlicher Spaß“, Uraufführung nach dem Roman von David Foster Wallace, Regie: Bettina Bruinier (15. 3. 2012);

N. N. = Noch ohne Titel, Regie: Thomas Dannemann (11. 5. 2012);

„Der falsche Inder“ nach dem Roman von Abbas Khider,

Regie: Nicole Oder (21. 6. 2012);

N. N., Regie: Simon Solberg (28. 6. 2012);

Festival „Radikal Jung“ (21. - 29. 4. 2012)

Gastspielprogramm mit Konzerten, Lesungen, Kabarett und Diskussionen (hier eine Auswahl):

„Der feine Unterschied“, ein Buch über Fußball von Philipp Lahm, gelesen vom Autor, moderiert von Christoph Süß (25. 9. 2011);

„Die Nacht der Zeitzeugen“, Gespräch/ Diskussion mit Überlebenden des Holocaust (27. 10. 2011);

„Servus Peter – Oh là là Mireille!“ mit Ursli & Toni Pfister und dem Jo Roloff Trio (2.-5. 11., 20 Uhr).

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