Chicago: Geigen in den Frachtraum

- "Es kann knapp werden", sagt Adrian Jones vorsichtig. Und als die Musiker nach dem letzten der drei Konzerte in der Carnegie Hall durch die Bühnenpforte treten, steht er da schon. "Let's get the show on the road" prangt auf dem Lkw, der von New York nach Chicago 18 Stunden brauchen wird.

Der Lkw ist naturgemäß billiger als das Flugzeug. Das heißt aber auch: Sofort nach der zweiten Zugabe müssen die Instrumente in die Transportkisten gebettet werden, damit das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am nächsten Tag im Chicago Symphony Center überhaupt auftreten kann. Was schließlich auch gelingt. Jones, beim BR unter anderem zuständig für die Logistik, spricht von einem "Unsicherheitsfaktor". Und von der "emotionalen Sache": Strenge Handgepäcksvorschriften zwingen die Musiker nämlich dazu, ihre Kostbarkeiten den Frachträumen zu überlassen. Dass etwa Geigen, kleinere Blasinstrumente oder sogar Celli mit in die Flugzeugkabine dürfen, ist auf dieser Tournee ­ bis auf wenige Ausnahmen ­ passé. Noch komplizierter, als eine Hundertschaft Musiker in die Vereinigten Staaten zu fliegen, ist also die Beförderung ihrer "Arbeitsgeräte". Zwei Gabeltransporte bringen diese vom Gastspiel in Pisa und das restliche Material aus München nach Köln, wo eine Frachtmaschine mit Ziel USA wartet. Ein gewaltiger Aufwand also für nur vier Konzerte in einer Woche. Ist der überhaupt gerechtfertigt?

Chefdirigent Mariss Jansons beantwortet solche Fragen gern mit seinem "Credo": Er wolle, dass sein Orchester "endlich den Platz einnimmt, der ihm in der Musikwelt gebührt". Und dazu gehöre es eben, nicht nur im Gasteig oder im Herkulessaal weltklasse zu spielen, sondern auch in den internationalen Musikzentren. Jansons zeichnet eine Aufwärtskurve in die Luft: "Die Autorität unseres Orchesters ist durch die USA-Tourneee sooo gestiegen. Wir haben eine solche Klasse gezeigt, sodass wir jetzt wirklich auf einer Ebene mit den Berliner und Wiener Philharmonikern sind." Was wie ein arg überschwängliches Eigenlob klingt, wird freilich durch die Auftritte gestützt. Die BR-Symphoniker zeigen sich in den Konzerten zu allem entschlossen. Sibelius‘ zweite Symphonie erfährt in New York, mehr noch tags darauf in Chicago eine hochemotionale, energiereiche, die Brüche nie verkleisternde Deutung. Und in Schostakowitschs Sechster zeigt man entwaffnende, finessenreiche Klangkultur. Zu erleben ist ein gemeinsames Atmen und Empfinden, eine große Geschlossenheit und kammermusikalische Sensibilität, die nur absoluten Top-Ensembles eigen ist. Das steil ansteigende, neobarocke Chicago Symphony Center scheint diese Interpretation gleichsam zu "vergrößern".

Der Chef brummt mit

Die Akustik ist brillanter, trennschärfer als in der Carnegie Hall, auch unbarmherziger. Jede Kleinigkeit ist zu hören, auch Jansons‘ Engagement, das sich in unwillkürlichem Mitbrummen und stöhnen äußert. Und auch in Beethovens erstem Klavierkonzert, das 24 Stunden zuvor für eine fast ausverkaufte Carnegie Hall sorgte, fanden die Musiker zu intensiver Kommunikation mit Piano-Popstar Lang Lang. Der spielte mehr mit dem Werk, zauberte staunenswerte Kunstfertigkeiten ­ auch wenn diese in der Partitur womöglich gar nicht gefragt waren.

Standing Ovations begleiteten das Ensemble auf der Tournee, die jeweils vorgesehenen zwei Zugaben konnte man kinderleicht "loswerden": ein in den USA nicht alltäglicher Erfolg, wo Besucher meist nach dem Schlussakkord den Taxis oder der U-Bahn zustreben.

Orchestermanager Walter Blovsky, im Geschäft gestählt durch jahrzehntelange Mitgliedschaft bei den Wiener Philharmonikern, räumt schon ein, dass man nicht gerade mit einem satten Gewinn nach Hause fahre. "Entscheidend ist aber, dass sich alle Tourneen einer Saison unterm Strich rechnen." Zudem zahle sich der Erfolg einer solchen Reise auch anders aus: "Es gibt weltweit nur vier, fünf Orchester, die ein mehrtägiges Gastspiel in New York bekommen", betont Blovsky. "Und im Frühjahr 2009 können wir wieder her. Außerdem sind wir dadurch nicht nur Gesandte unseres Senders, sondern auch Botschafter Bayerns."

Nun flogen die BR-Symphoniker ja nicht erstmals in die USA, unter Lorin Maazel haben sie 2003 eine viel ausgedehntere Reise bis an die Westküste unternommen. Was sich seitdem wohl verändert hat? Blovsky formuliert das mit hintersinnigem Wiener Charme: "Jetzt wird nicht mehr nur der Dirigent präsentiert, sondern das Orchester mit seinem Chef." "Herzlich gratulieren" müsse er seinen Musikern, bekennt Mariss Jansons denn auch in der letzten Probe. Zu spüren ist während dieser USA-Woche, wie eng das Ensemble mit ihm zusammengewachsen ist. Wie dieser respektiert, ja geliebt wird, weil er den Musikern nie das Gefühl gibt, er benutze sie nur als Vehikel für die Vermehrung seines persönlichen Ruhms.

Und zu merken ist auch, wie daraus ein starkes, bei manchem nicht unbescheidenes Selbstbewusstsein erwachsen ist. Den verehrten Chef sieht das Symphonieorchester jedenfalls erst im neuen Jahr wieder. "Schöne Weihnachten" wünschte Jansons daher vorsorglich ­ und schritt gleich zur Bescherung: eine orangefarbene Baseballkappe für Hornist Norbert Dausacker, der beim New-York-Marathon "4000. und noch was" geworden ist.

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