Chiemgauer will mit "Lustigen Weibern" begeistern

Rosenheim - Opern-Ausgrabungen müssen nicht den großen Musentempeln vorbehalten sein. Georg Hermansdorfer, Realschullehrer, entdeckte eine Vertonung der „Lustigen Weiber von Windsor“ – und führt das Stück nun auf.

Manche Noten sind gerade noch zu entziffern, anderes ist vollkommen verblasst. Wasserschaden. Im Zweiten Weltkrieg ist das passiert, als die Partitur im Japanischen Palais in der Dresdner Neustadt lagerte. Georg Hermansdorfer macht so etwas „erst richtig heiß“, wie der 55-Jährige sagt. 50 Seiten ließ er sich aus der Elbstadt mailen, als pdf-Datei. Und spätestens da war klar: Er wollte auch den Rest, diese Oper muss er aufführen.

„Die lustigen Weiber von Windsor“, den Titel kennt man von Otto Nicolais Shakespeare-Vertonung. Auch Verdis „Falstaff“ basiert darauf. Aber Carl Ditters von Dittersdorf? Dass sich der Wiener Klassiker (siehe Kasten) den Stoff ebenfalls vorgenommen hattte, wusste Georg Hermansdorfer. Und spätestens jetzt muss klargestellt werden: Der Chiemgauer ist kein professioneller Opernspürhund, sondern im Hauptberuf Realschullehrer in Rosenheim – aber eben auf seine Weise ein Extremliebhaber.

Nicht nur, dass der Deutsch- und Musiklehrer die Stücke den Archiven entreißt, er dirigiert und inszeniert sie auch noch. Früher mit der „Opernbühne Bad Aibling“, jetzt, nachdem dieses Ensemble aus finanziellen Gründen aufgelöst wurde, mit dem Verein „Erlesene Oper“. Ein doppelbödiger Name – die Stücke sind allesamt Besonderheiten, und Hermansdorfer muss die Partituren in einem mühsamen Prozess entziffern. „Don Procopio“ von Bizet, „Der Arzt wider Willen“ von Gounod, „Don Giovanni“ von Gazzaniga und nun Dittersdorfs „Lustige Weiber“, solche Werke finden sich auf Hermannsdorfers Repertoireliste.

Ans Pult ist der Halfinger eher durch einen Zufall geraten. Während des Kirchenmusikstudiums sprach ihn ein Kommilitone an: „Magst a Mozart-Oper dirigieren?“ Hermansdorfer reagierte skeptisch. Doch der Freund beruhigte: „Das schaffst leicht, musst nur alles beieinander halten.“ Das Ergebnis war eine „Riesengaudi“, wie sich Hermansdorfer ausdrückt. Und fortan blieb’s beim Dirigenten-Nebenjob. Doch nicht genug: Der Mann, der gern lacht und immer ein wenig wie der humorvolle Bruder von Günter Grass aussieht, kümmert sich unter anderem um den Gospelchor St. Martin in Germering, den Männergesangsverein Liederquell in Unterpfaffenhofen oder die Kirchenchöre in Neuaubing und im heimatlichen Halfing. Und wer Hermansdorfers begeisterten Worten lauscht, dem kommt schnell der Gedanke: Einen solchen Musiklehrer hätte man auch gern gehabt. Naturgemäß ist der Chiemgauer bestens vernetzt in der oberbayerischen Musikszene. Die Sänger- und Instrumentalisten-Suche fällt ihm folglich relativ leicht, solch Begeisterung steckt schließlich an.

Momentan laufen die Proben für Dittersdorfs „Lustige Weiber“ auf Hochtouren. Und bei manchen Stücken gerät Hermansdorfer ins Schwärmen. Als seine Partitur-Ergänzungen fertig waren, hat er sich die Musik mittels eines speziellen Computerprogramms vorspielen lassen. „Oh, da tut’s ja schräg und interessant“, habe er sich gleich gedacht. Eines der interessantesten Stücke sei die Ouvertüre. Drei Monate hat er gebraucht, um sich das Stück aus den verblassten Noten zusammenzupuzzeln. Aufhorchen, so Hermansdorfer, lasse auch eine Koloratur-Arie, die er freilich für seine Rosenheimer Aufführungen gekürzt hat. Überhaupt strich er rund die Hälfte des gesprochenen Textes und griff ganz behutsam in wenige andere Nummern ein. „Ich will halt einfach, dass die Leute rausgehen und sagen: Toll, wie kurzweilig das war.“

Vier Aufführungen im Rosenheimer Ballhaus mit seinem schönen Stuck-Ambiente sind angesetzt. Um die Gesamtkosten von 34.000 Euro hereinzubekommen, hat Hermansdorfer ausgerechnet, dass insgesamt 1000 Besucher kommen müssen. Einige Sponsoren aus der Rosenheimer Region unterstützen ihn, und manches streckt der Lehrer auch aus der Privatschatulle vor. Die „Lustigen Weiber“, das weiß Hermansdorfer schon jetzt, wird nicht das einzige Projekt des neuen Vereins „Erlesene Oper“ bleiben. Einige Ideen hat er, die sich um (bei ihm naturgemäß) unbekannte Namen ranken. Einmalig ist das, was Hermansdorfer hier leistet für die Aufführungshistorie. Und auch von einer großen Portion Realismus begleitet: „Die ,Zauberflöte‘ machen die Münchner schließlich wirklich besser.“

Vorstellungen am 22., 28., 29. und 30.9. im Ballhaus Rosenheim; Infos: www.erlesene-oper.de.

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