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Phänomenale Besetzung: Der Slowake Vladimir Chmelo in der Titelrolle von Verdis „Macbeth“ ist das Zentrum der Immlinger Neuproduktion.

Immlinger Opernfestival

Auf dem Chiemgauer Schlachtfeld

Einen „Sommernachtstraum“ verspricht heuer das Festival auf Gut Immling bei Bad Endorf. Und bietet dazu ausgerechnet den größten Albtraum der Opernliteratur: Giuseppe Verdis blutige Tragödie „Macbeth“. Am Wochenende war umjubelte Premiere.

Was für ein ausgezuzeltes Wort, diese „Einmaligkeit“. Aber mal ehrlich: Wo gibt es das sonst noch? Dass ein Busfahrer im netten Radiomoderatoren-Sound auf der Shuttlefahrt durch enge Waldschneisen einen schönen Abend wünscht und Rückfahrtdetails klärt. Dass man oben am Gut im Pferdeschutzhof den gezausten, rund 40-jährigen (!) Ponyhengst Amigo bestaunt, dessen Männlichkeit noch immer sehr, sehr unübersehbar ist. Dass Freiluftplätze zum Prosecco oder Weißbier mit berauschendstem Blick auf die Chiemgauer Hügel laden. Und manchmal passiert es sogar, dass Ludwig Baumanns Festival all dieses sommernachtstraumhafte Ambiente gar nicht nötig hat.

Man sitzt und hört und schaut also in der umgebauten Reithalle und vergisst auf einmal Amigo samt Prosecco – dank „Macbeth“. Nein, verstecken muss sich diese Immlinger Produktion nicht, vor allem aus musikalischen Gründen. Immerhin steht da ein Mann auf der Bühne, der alle jene Unkenrufer für drei Stunden verstummen lässt, die glauben, Verdis Bariton-Partien seien doch kaum mehr besetzbar. Man nehme nur Vladimir Chmelo: diesen Slowaken, dem von empfindsamer Lyrik bis zu viriler Hochdramatik alles zur Verfügung steht. Der in Extremlagen Unerschütterlichkeit demonstriert und dennoch die Partie nicht an den Effekt verrät. Und dem sogar ein gefährlicher Fast-Sturz nicht aus der Ruhe bringt.

Auch die übrigen Rollen sind in Immling hochachtbar besetzt: Jana Dolezilkova (Lady Macbeth) mag keine Dezibelrekorde anpeilen, hat aber mit dem gewaltigen Tonumfang inklusive Koloraturen kaum Mühe. Rafael Cavero (Macduff) und Marc Pujol (Banquo) lassen sich dank ihrer Präsenz nicht zu Nebenrollen-Trägern degradieren. Und Cornelia von Kerssenbrock, so etwas wie Immlings Chefdirigentin, hat bei diesem frühen Verdi unüberhörbar ihr liebstens Betätigungsfeld gefunden: Die flexibel mitgehenden Münchner Symphoniker liefern trockene Rhythmik, zeigen Biss in den Bläsern und lassen sich gern auf spannende Pianissimo-Passagen herunterdimmen.

Das Riesenensemble driftet (anders als in mancher Staatsoper) nicht auseinander, der großteils mit Laien besetzte Chor findet sich imponierend sicher durch Verdis Partitur, all das ist eben auch Cornelia von Kerssenbrocks energischem Zugriff zu verdanken.

Typisch Immling, dass man das staubige Bühnen-Arrangement fürchtet. Seit den Anfängen setzt man – mit wechselndem Erfolg – auf Ambition. Und die Schwester der Dirigentin, Verena von Kerssenbrock , reiht sich in diese Regie-Reihe ein. Mit Unternehmer und Nebenberufskünstler Claus Hipp als Bühnenbildner hat sie sich zudem einen Promi ins Boot geholt. Sein farbkräftiger Hintergrundprospekt lässt an eine zerklüftete Stadtlandschaft denken. Davor ein graues Schlachtfeld, dessen Quader sich zu Stonehenge umgruppieren lassen und auf dem alte Kisten verteilt sind, die als charmante Schleichwerbung den Namen des Babykost-Mannes tragen.

Verena von Kerssenbrocks Rahmenhandlung , dass Kinder nach überstandenem Krieg den „Macbeth“ als Vision erleben, funktioniert im Programmheft besser als auf der Bühne. Ihre Inszenierung bietet viel fürs Auge, bezieht mit Auf- und Abgängen die ganze Reithalle ein, ist ein versiertes Beschäftigungsprogramm für Chor und Solisten – wenn man mal bei den rhythmischen Bewegungen zur Musik und manchem Kostümeinfall ein bis zwei Augen zudrückt. Die Handlung wird schlüssig und symbolverliebt erzählt: Die Hexen wecken mit Scheren bei den Kämpfern Kastrationsängste. Und die Königsbürde, welch starke Szene, ist eine Riesenkrone, die zum feurigen Tiegel wird, in dem Babyleichen versenkt werden.

Ist alles nicht extrem schockierend, transportiert aber viel vom dunklen Gehalt des Stücks. Wenn noch das Umfeld stimmt, ist „Macbeth“ sowieso perfekt: Nirgendwo sonst schließlich geht in der Pause ein Gewitter so malerisch nieder. Und die Gruselszenen mit den toten Säuglingen wird Claus Hipp seinen Marketingleuten schon irgendwie erklären können.

von Markus Thiel

Weitere Vorstellungen

4., 11., 19., 25., 31.7. sowie 2. und 7.8., Tel. 0180/ 504 66 54.

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