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Der chinesische Kaiser und Astronomen; Tapisserie (1725) aus Bambergs Neuer Residenz.

China-Leidenschaft

Opulent: „Die Wittelsbacher und das Reich der Mitte“ im Bayerischen Nationalmuseum

Eigentlich war China schon aus der Mode. Die Münchner wollten trotzdem für ihren Englischen Garten unbedingt einen Chinesischen Turm. Der heute noch innig geliebte Bau, zu dem der Biergarten problemlos passt, wurde gegen den Widerstand des Garten-Schöpfers Sckell durchgesetzt. In der Tat ist die Beziehung zwischen den beiden Ländern intensiver und langlebiger als die modische Chinoiserie-Begeisterung Europas. Deswegen nennt das Bayerische Nationalmuseum München seine umfangreiche Ausstellung „Die Wittelsbacher und das Reich der Mitte – 400 Jahre China und Bayern“.

Ein wirklich opulentes Panorama tut sich im obersten Geschoss des Hauses an der Prinzregentenstraße (riesige chinesische Schriftzeichen locken dort schon) auf, sodass man kaum entscheiden kann, wohin man sich zunächst wenden soll. Historisch ist die erste Station klar: das 16. Jahrhundert.

Auch die Herzöge Albrecht V. und Wilhelm V. liebten Exotika, die in sogenannten Kunstkammern (über 6000 Exponate in der herzoglichen Kammer) aufbewahrt wurden, darunter, wie kann es anders sein, Porzellan. Dass die Chinesen flexibel auf die Nachfrage reagierten, beweist ein großer Teller von 1600. Nicht nur das Weiß-Blau passt zu Bayern, sondern auch die Rauten, die man dem Kunden zuliebe aufmalte.

Einen starken Schub erhielten die Verbindungen zum Reich der Mitte, als die Jesuiten im 17. Jahrhundert ihre Missionsarbeit aufnahmen. Sie konnten mit Wissenstransfer punkten, wie man heute sagen würde. Vor allem Astronomen und Mathematiker waren im Fernen Osten gefragt. Darum empfängt den Ausstellungsbesucher eine große Tapisserie, die Wissenschaftler beim Kaiser von China zeigt.

Gerade dieser zweite Teil der Schau, in dem sich religiöses Engagement, Forschertum und freundliche Kontaktpflege auffächern, schildert eine sympathische Naivität und ein gewisses Aneinander-Vorbeiagieren auf beiden Seiten. Aber man war neugierig aufeinander und respektvoll. Der Jesuit Nicolas Trigault hatte Europas Herrscherhäuser abgeklappert, um Unterstützung zu erhalten.

Maximilian I. und seine Frau Elisabeth taten das unter anderem mit Briefen und Geschenken an Kaiser und Kaiserin. Man muss schon schmunzeln, wenn man das Buch über Marias Leben oder das Schriftstück sieht (Entwurf), in dem der Katholizismus erklärt wird. Rührend zu sehen, wie die Illustrationen „chinaisiert“ wurden: Maria und der Engel Gabriel als Chinesen. Wunderschön dagegen die Uhren-Präsente – und dann die bezaubernd bunten, entzückend verzierten Automatenuhren mit beweglichen Figürchen, die in Kanton hergestellt wurden. Das sind allerliebste west-östliche Luxus-Spielzeuge.

Dann bricht sich der „goût chinois“ Bahn. Diesem „Geschmack“ frönten auch die bayerischen Herrscher, etwa Max Emanuel. Im Schloss Nymphenburg samt den Park-Burgen und in der Residenz ist das „live“ in Raum-Ensembles zu erleben, im Nationalmuseum sind hingegen exklusive Stücke (auch Leihgaben) zu bewundern. Man sammelte Originale, ahmte zugleich nach. Porzellan wurde „aufgebrezelt“ durch Metallränder (Montierung) oder kopiert. Atemberaubend edel das echte schwarz-goldene Lackkabinett (Schränkchen), witzig der Bierkrug „auf Chinesisch“, schön das geprägte Brokatpapier, komisch die Umarbeitung von chinesischen Figuren etwa zu Kerzenhaltern.

Chinoiserien tauchten allüberall auf: bei Toilette-Utensilien bis zu Tapeten. Und mit einer Tapete (1790/1800) bietet das Nationalmuseum seinem Publikum die herrlichste Überraschung. Diese nie benutzten neun Seidentapeten-Bahnen wurden 2003 wiederentdeckt (Bestand der alten Hoftapeziererei der Residenz). Sie sind farblich taufrisch wie am ersten Tag, und die Seide schimmert überirdisch. Fünf wandhohe Bahnen hat man nun zu einer heiteren Seenlandschaft kombiniert, die ein buntes Leben von spielenden Kindern bis zu Seidenstoffhändlern umfängt.

Selbst nach dem China-Boom blieben die Wittelsbacher dem Reich der Mitte treu. Am interessantesten ist Prinz Rupprechts Ostasienreise 1902/03, die er in einem Buch (auch Negatives) dokumentierte. In der Schau wird es audiovisuell aufbereitet – neben den Geschenken des Kaiserhauses: Freundlichkeit und Folter, die zwei Gesichter eines Landes. Bis 26. Juli, Tel. 089/21 12 42 16, Katalog, Hirmer Verlag: 48 Euro.

Simone Dattenberger

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