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In Frankfurt wurde Liao Yiwu heuer mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt.

Tiananmen-Massaker

Chinas betäubtes Gedächtnis

München - Er führt eine literarische Ausgrabung durch: Liao Yiwu, der Dissident aus China, erinnert in einem Buch an das Tiananmen-Massaker vom Juni 1989 – indem er Mitstreitern von einst eine Stimme gibt. Manche von ihnen, sagt er, leben heute „wie die Hunde“.

Wer kennt schon die traurige Geschichte von Zhang Xianghong? Keiner. Sie war Studentin in Peking – und erst 20, als eine verirrte Kugel ihre Hauptschlagader in der Brust durchschlug. Sie schrie und schrie, als sie langsam verblutete. Es war der frühe Morgen des 4. Juni 1989, der Tag des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens. Auch Lü Peng starb damals – ein Kind, neun Jahre alt. Die wild um sich schießenden Truppen töteten den Jungen an einer Straßenbrücke.

Keiner weiß, wie viele wirklich umkamen, als Chinas Militär den Volksaufstand am Tiananmen mit Gewalt niederschlug. Waren es 200, wie offizielle Stellen behaupten? Oder 2600, wie westliche Medien berichten? Es liegt Nebel über dem Bluttag von Chinas Geschichte. Der Schriftsteller Liao Yiwu lichtet ihn ein wenig – mit einem Buch. Es heißt „Die Kugel und das Opium“: Die Kugel steht für das Massaker, das Opium für das betäubte Gedächtnis. Denn in China ist Erinnerungsarbeit, wie sie die Deutschen kennen, kaum möglich. Die Vergangenheit wird vielmehr gezielt unterdrückt.

Liao, der nach Deutschland geflohene Dissident, der unlängst den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat und davor in München den Geschwister-Scholl-Preis, kämpft gegen das Vergessen an. Auf seine Art: Indem er Leid dokumentiert, indem er Unbekannten eine Stimme gibt. Wie in seinem Bericht über das Erdbeben-Drama von Sichuan von 2008, als mehr als 80 000 Menschen starben (bisher nur in französischer Übersetzung verfügbar). Oder seinem großartigen Interview-Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“, das Chinas Gesellschaft von unten porträtiert. Liao macht literarische Ausgrabungen.

Sein neues Werk kreist um 15 Interviews von einfachen Menschen (leider nur Männer), die zum Teil jahrelang als „Rowdys“ des 4. Juni im Gefängnis saßen – wegen Aufwiegelung, bewaffneter Rebellion, Brandstiftung. Die Gespräche hat Liao jahrelang zusammengetragen, sie wurden teils unter Umständen geführt, als hätten sich Verschwörer getroffen. In ihnen geht es um den 4. Juni selbst, um die Straßenschlachten, die mutige Solidarität der Leute – und um das Heute. Es zeigt sich, was Liao in seiner literarisch kraftvollen Einleitung etwas drastisch so formuliert: „Die überlebt hatten, würden für immer wie die Hunde leben.“

Wer aus dem Knast oder aus dem Gulag zurückkehrt, findet selten wieder einen Platz im Leben. „Ich will nur das ganz normale Leben eines ganz normalen Menschen führen“, klagt Zhang Maosheng, der erst zum Tode verurteilt, dann auf freien Fuß gesetzt wurde. „Aber die Gesellschaft gibt mir nicht die Gelegenheit dazu! Einmal Rowdy, immer Rowdy.“ Der Künstler Wu Wenjian, der das Massaker malte, prallte nach seiner Haft bei seinem Vater, einem alten Kommunisten, auf eine Mauer: „Sein Glaube an die Partei war unverändert.“ Viele Mitstreiter von einst waren gebrochen von Schlägen, von Erniedrigungen: „Im Knast sind aus den Tigern Mäuse geworden, sie haben aufgegeben.“ Wu selbst kennt bloß noch ein Motiv: „Ich male nur Panzer, die Menschen zerquetschen.“ Jeder Pinselstrich sei „ein unartikulierter Schrei“.

Auch für den Schriftsteller Liao war der 4. Juni ein Wendepunkt: Er, der bis dahin als dichtender Bohèmien Literaturpreise gesammelt hatte, verfasste unter dem Eindruck der Kämpfe das dramatische Gedicht „Massaker“, ließ es auf Tonbändern im Untergrund kursieren – und wurde daraufhin selber eingesperrt. Vier Jahre saß er in einer von Menschen und Aggressionen überquellenden Zelle. „Meine romantische Dichterhaut ist mir bei lebendigem Leib abgezogen worden“, schreibt er nun. Seine Erlebnisse hat er im Gefängnisbericht „Für ein Lied und hundert Lieder“ verarbeitet, einem literarischen Meisterwerk. Im neuen Buch führt er ein Interview mit sich selbst – und zeigt, wie seine Welt in Stücke fiel.

Das Buchs endet mit zwei Listen: eine nennt 202 Todesopfer des 4. Juni, eine die Namen von 49 Verwundeten, jeweils ergänzt mit Erläuterungen. Die „Mütter des Tiananmen“, deren Kinder starben, haben die Geschichten, die es nicht geben dürfte, mutig zusammengetragen – in 22 Jahren mühevoller Arbeit. Erinnern kostet sehr viel Kraft in China.

Liao Yiwu

„Die Kugel und das Opium: Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens“. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer Verlag, 432 S.; 24,99 Euro.

Von Robert Arsenschek

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