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„Das Publikum schüchtert mich ein“: Der Komponist Frédéric Chopin (1810-1849), porträtiert von seinem Maler-Freund Eugene Delacroix.

200. Geburtstag

Zwischen allen Welten

München - Nicht einmal das Geburtsdatum ist gesichert. War es der 22. Februar vor 200 Jahren, wie es der Taufschein vermerkt? Oder doch der 1. März, wie es Frédéric Chopin selbst stets angab?

Und wie steht es um seine Heimat? Polen, wo er in der Nähe Warschaus geboren wurde – ein Land, das er in den Wirren des Unabhängigkeitsaufstandes verließ? Oder doch Frankreich, wo er in Paris seine größten Erfolge feierte?

Chopin, dem als Wunderkind der automatische Erfolg zu winken schien, war ein lebenslang Getriebener. Ein Künstler zwischen allen Welten, der nicht nur während seines vorübergehenden Aufenthalts in Wien um Anerkennung kämpfen musste, sondern auch nach seinem Tod ein Opfer der Klischees wurde. Harmlose, parfümierte Klavierkunst warf ihm mancher vor. Kompositionen für die Bourgeoisie. Ihm, der das Gegenteil zu den Genie-Titanen zu sein schien.

Sein Herz befindet sich in einer Warschauer Kirche.

Dabei atmen viele Werke Chopins den Geist der Revolution – freilich auf eine sublime, deshalb umso subersivere Weise. Seine polnischen Landsleute, die sich vergeblich gegen die russische Fremdherrschaft auflehnten, verstanden diese einkomponierten Aussagen, die sich hinter den Harmonien und Melodien etwa aus Bauerntänzen verschanzten. Die Rolle des von allen verehrten und bejubelten Stars stand Chopin ohnehin nicht. Konzerte gab er nur widerwillig, in seinem ganzen Leben konnte er sich nur rund 50 Auftritte abringen. „Das Publikum schüchtert mich ein, sein Atem erstickt mich“, klagte er einmal.

Ihm, dem Sohn eines vermögenden Lehrers, versuchte die Familie, alles zu ermöglichen. Den Entwurzelten, der anfangs auch nur eine unglückliche Fernbeziehung führen konnte, trieb es schließlich in die „schönste aller Welten“, nach Paris. Dort wurde seinem genialen Klavierspiel gehuldigt. Dort fand er auch einen erlauchten Freundeskreis, zu dem Balzac, Heine, Delacroix und George Sand gehörten.

Das Chopin-Denkmal in einem Warschauer Park.

Die Schriftstellerin wird 1837 seine Lebensgefährtin. Mit ihr zieht er auf einen Landsitz. Und mit ihr reist er nach Mallorca – wo die Katastrophe ihren Lauf nimmt. Chopins Tuberkulose-Leiden verschlimmert sich dramatisch. „Die drei berühmtesten Ärzte der Insel haben mich untersucht“, schreibt er. „Der eine sagte, ich sei krepiert, der zweite meinte, dass ich krepiere, der dritte, dass ich krepieren werde.“ Eine so brutale wie wahre Vorhersage: 1849, zwei Jahre nach der Trennung von George Sand, stirbt Frédéric Chopin mit nur 39 Jahren in Paris. Sein Leichnam wird dort bestattet, doch sein Herz gehört dem geliebten Geburtsland: Es wird in der Warschauer Heilig-Kreuz-Kirche eingemauert.

von Markus Thiel

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