Choreograph Marco Goecke: "Luxus, für den ich dankbar bin"

München - 2001/02 zwei Arbeiten für die als Choreographen-Sprungbrett bekannte Stuttgarter Noverre-Gesellschaft - und die Tanzwelt merkte auf. Wer war dieser Marco Goecke? Man sollte es bald erfahren, denn dem gebürtigen Wuppertaler, 2005 zum Hauschoreographen des Stuttgarter Balletts ernannt, flogen bald Preise und Einladungen bis nach New York zu.

Jetzt hat er auch fürs Münchner Gärtnerplatztheater ein Stück einstudiert. Sein "Sweet Sweet Sweet" (2005) hat zusammen mit William Forsythes "Trio" und Stephan Thoss' "Visions fugitives" unter dem Motto "Körpersprachen" morgen Premiere.

In der Aidsgala letzten Dezember hinterließ Marco Goecke mit dem körperexzentrischen Solo "Äffi" hierorts schon einen starken Eindruck. Dieser Stil, der den Tänzer oder - wie in seinem Stuttgarter "Nussknacker" - auch ein ganzes Ensemble in einen merkwürdigen fiebrigen Zustand, in ein unentwegtes, fremdartig nervöses Flattern versetzt, war anders, als was bisher im zeitgenössischen Tanz zu sehen war.

Wie er auf dieses "neue" Stilelement gekommen sei? Goecke: "Das ist aus meiner eigenen Energie entstanden, sicher auch aus einem Nichtwissen, ja schon aus einer Naivität. Die Ohnmacht gegenüber arrivierten und den ganz großen Tanzschöpfern wie Pina Bausch, Forsythe und Kylián habe ich gar nicht so intensiv erlebt. Ich hatte ja nur ein Jahr an der Deutschen Staatsoper Berlin getanzt und vier Jahre in Hagen. Aber dort schon eine ungeheure Wut. Hagen war, künstlerisch gesehen, für alle ein Endzeitstadium. Ich war so voll im Kopf und im Gefühl, wollte einfach mehr vom Leben. Nach der harten Ausbildung."

Hart schon der Kampf ganz zu Anfang noch, als Bub Tänzer werden zu wollen. Seine Mutter konnte er überzeugen mit dem weniger anrüchigen Berufswunsch: "Choreograph". Zwei Jahre seiner Ausbildung hat Goecke übrigens in Konstanze Vernons Münchner Heinz-Bosl-Stiftung/Ballettakademie absolviert. "Ich war kein einfacher Student, voller schräger Ideen", sieht sich der knapp 36-jährige und heute durchaus zu Pragmatik fähige Goecke im Rückblick. Seine oft düstere Bühne? "Das entwickelte sich aus einem Notstand. Als ich in Stuttgart in der Noverre-Gesellschaft anfing, hatte ich ganz einfach nur eine dunkle Box. Und dann fand ich es spannend, was sich alles in der Dunkelheit abspielen kann."

So ein Umwandler ins Künstlerische von Not- und auch von Misständen ist er: "Klar schaue ich mir im Fernsehen alles an. Aber auch die miesen Filme und Programme geben unsere Zeit wieder, die Menschen, wie sich sich gebärden, so ohne alle Tabus. Da spiegelt sich Wirklichkeit."

Alles könne für ihn Quelle für ein Stück sein, die Tänzer, der Weg zum Theater, die Kantine. In dieser Arbeitsweise sei auch das nach einer Popsong-Zeile betitelte "Sweet Sweet Sweet" entstanden. "Es sind Momentaufnahmen von dem, was um mich herum passierte in der Zeit, als ich an dem Stück arbeitete. Ich liefere keine Antworten, eher Fragen. Generell auch keine konkrete Handlung.

,Nussknacker war bis jetzt die Ausnahme. Für mich war diese vorgegebene Geschichte eine richtige Entspannung. Es geht ja immer darum, etwas zu machen, was es so noch nicht gab. Und das ist sehr anstrengend, immer etwas nur aus sich herauszuholen. Ich bin selber überrascht, wie da nach Stunden im Probensaal Bewegungen und Szenen entstehen. Nach einer gewissen Zeit macht sich das Stück selbstständig und fragt mich auch. Und ich muss gucken, was das Stück dann braucht."

Eine Scheu, seine Zweifel und Unsicherheiten preiszugeben, kennt Goecke nicht. Er weiß, dass er sich auf seinen künstlerischen Instinkt und seine gewachsene und jetzt selbstverständliche Autorität verlassen kann. "Pina Bausch ist heute für mich nicht mehr so eine Überfigur, aber ohne dieses Idol hätte ich es nicht geschafft", gibt er zu. " Ich weiß, wie schwer es junge Künstler haben. Nicht jeder bekommt solche Möglichkeiten wie ich: das Stuttgarter Balletts, die Fans, das ist Luxus, für den ich dankbar bin."

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