Ohne Landkarte durch den Wald gehen

Hamburg - John Neumeier, Choreographen-Legende und Intendant des Hamburg Balletts, hat in seinem Buch „In Bewegung“ erstmals tiefe Einblicke in seine Arbeits- und Skizzenbücher, aber auch in persönliche Tagebuchaufzeichnungen gegeben.

Der 66-Jährige nennt die Rückschau auf seine 35-jährige Tätigkeit in Hamburg „fast eine fragmentarische Autobiografie“.

Führen Sie neben den Arbeits- und Skizzenbüchern regelmäßig auch ein privates Tagebuch?

Als ich nach Europa kam, habe ich ein ganz detailliertes privates Tagebuch geschrieben, leider nur etwa eineinhalb Jahre lang. Es gibt dazu immer wieder Ansätze, aber nichts Kontinuierliches.

Beim Lesen Ihres Buches, das nach Choreographien geordnet ist, hat man den Eindruck, dass Sie kaum zwischen Arbeit und Privatem unterscheiden.

Ganz genau. Mein Buch ist genauso wie mein Leben nach meinen Werken geordnet. Wenn ich zum Beispiel abends die Videoaufzeichnungen der Proben sehe, dann steckt in dem, was ich an Reaktionen dazu aufschreibe, auch viel von meinem emotionalen Zustand.

Wie würden Sie den Vorgang des Choreographierens beschreiben?

Das Choreographieren ist so, als ob man ohne Landkarte durch einen Wald geht. Man sagt sich, okay, da ist es wohl sehr schön, die Sonne scheint durch die Bäume, also gehe ich dorthin und nehme dieses Blatt dabei mit. Man lässt sich von Dingen leiten und macht sich nicht die Dinge untertan.

Haben Sie jetzt mit 66 Jahren auch das Bedürfnis, eine Art Bilanz zu ziehen?

Nach einer gewissen Zeit hat man eine Sehnsucht danach zu begreifen; Wie war das eigentlich? Oder wie ist es dazu gekommen? Doch je mehr man arbeitet, umso mehr wird man abgelenkt durch das Tun. Das Reflektieren ist etwas, was dann zu kurz kommt. Das ist etwas, was mich manchmal traurig macht. Dies hier ist ganz typisch für mich, das habe ich noch keinem Menschen erzählt: Ich bin von der Beerdigung meiner Mutter nach Wien geflogen, immer noch in dem Anzug, den ich bei der Beisetzung trug, um in Wien noch am gleichen Nachmittag eine Hauptprobe vom „Sommernachtstraum“ zu leiten. Und ich war überzeugt, dass ich das machen müsste. Das bedeutet, dass in mir ganz vieles unreflektiert ist. Allerdings sind meine Arbeiten wohl die eigentlichen Reflexionen.

Insofern würde das Schreiben einer Autobiografie auch Gelegenheit zum Innehalten bieten?

Ja, Schreiben ist für mich ein Konkretisieren von flüchtigen Fragmenten, die man einfangen will, um sie festzuhalten. Die Worte sind dann nicht mehr in Bewegung. Die Worte beschreiben, konkretisieren die Bewegung des Lebens. Deshalb diese Autobiografie: damit man die Bewegung des Lebens ein bisschen zum Stillstand bringt.

-Gibt es so etwas wie einen Roten Faden in Ihrem Leben oder ein Muster, das sich hindurchzieht?

Ich denke, dass ich mich immer entwickle, aber mit der gleichen Intention. Fast schockierend war es, als ich meine erste Rede an die Hamburger Compagnie wieder las. Es sind über 30 Jahre vergangen – und ich würde es heute genauso sagen! Als ich nach Europa kam, gab es sehr emotionale Aussagen im Tagebuch. Ich habe mein Dasein pathetisch verglichen mit dem eines Ritters, der eine Aufgabe hat, quasi mit einer Gralssuche befasst ist. Das alles war von spirituellen Überlegungen geprägt. Die Essenz dessen ist geblieben.

Das Gespräch führte Brita Janssen

John Neumeier:

„In Bewegung“. Collection Rolf Heyne, München, 575 Seiten; 135 Euro.

Rubriklistenbild: © dpa

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