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Das designierte Leitungsteam der Berliner Volksbühne um Chris Dercon (re.) bei seiner ersten Spielplan-Pressekonferenz.

Chris Dercons erste Spielplan-Pressekonferenz

Das plant der neue Chef für die Berliner Volksbühne

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Berlin – Chris Dercon, der designierte Intendant der Berliner Volksbühne, stellte seine Pläne für die erste Hälfte der Spielzeit 2017/18 vor. 

Knallrot ist die Broschüre. Damit wirft das designierte Leitungsteam der Berliner Volksbühne um Intendant Chris Dercon – auf gut Berlinerisch – mit der Wurscht nach der Speckseite. Denn rot ist links, und links ist das, was das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz ursprünglich und im Verlauf seiner über 100-jährigen Geschichte immer mal wieder war. Dennoch war bei der Spielplankonferenz für 2017/18 die Gretchen-Frage aus dem Publikum an Chris Dercon, wie er es denn halte mit der kommunistischen Tradition, mehr als dämlich. Die nämlich gibt es überhaupt nicht. Entweder eine sozialdemokratische, eine faschistische, eine DDR-ideologische oder eine à la Frank Castorf. Dercon gab darauf die einzig richtige Antwort: „Ich will politisches Theater machen, aber nie ideologisches. Wir möchten ein Stadttheater ohne Grenzen sein.“ 

Das Haus soll ein „Laboratorium der Avantgarde“ sein

Was er und seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock darunter verstehen und jetzt für die erste Hälfte der kommenden Saison präsentiert haben, gibt immerhin schon einmal einen vagen Begriff davon. Ein „Laboratorium der Avantgarde“ wollen sie sein. Dafür haben sie zunächst einmal den Namen erweitert. Das Theater heißt jetzt nicht mehr „Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz“, sondern „Volksbühne Berlin“. Denn zum Stammhaus gehört ab September die neue Spielstätte auf dem alten Flughafen Tempelhof. 

Gestartet wird die Spielzeit auf dem Flughafen Tempelhof

Weil es nach Ende der Castorf-Ära erst einmal Renovierungen im Stammhaus geben wird, erfolgt der Spielzeitauftakt am Flughafen. Auf dem Programm: ein zehnstündiger Tanzmarathon unter dem Titel „Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof“ (10. 9.); es folgen zwei weitere Choreografien (14. 9. und 21. 9.), alle drei verantwortet vom Franzosen Boris Charmatz, der zur Dercon-Mannschaft gehört. Eine Premiere der besonderen Art kommt am 30. September am ehemaligen Airport heraus: Euripides‘ „Iphigenie“, erarbeitet von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada mit syrischen Flüchtlingsfrauen, die hier auf dem Gelände noch immer im Provisorium leben. 

Am 10. November ist die erste Premiere im Stammhaus

Am 10. November ist dann Auftakt am Rosa-Luxemburg-Platz. Die erste Premiere soll programmatisch sein: Samuel Becketts Einakter „Nicht Ich“ und „Tritte“, dazu „He, Joe“ von Tino Sehgal. Es geht um Sprache, Stimme, Dialog und Raum. Regisseurin Susanne Kennedy, die zum Leitungsteam gehört, hat mit ihrem Stück „Women in Trouble“ am 30. November Premiere. Im Fokus stehen Leben, Sterben und Wiedergeburt einer Frau, das Ritual des Theaters und das Orakel von Delphi mit dem Gebot „Erkenne dich selbst“. Außerdem wird Kennedy ihre Münchner Inszenierung „Die Selbstmord-Schwestern“ nach Berlin importieren. Es folgen Aufführungen des thailändischen Filmemachers Apichatpong Weerasethakul, der dänischen Choreografin Mette Ingvartsen, des französischen Choreografen Jérôme Bel und der israelischen Filmkünstlerin Yael Bartana. Dazu diverse Aktionen und viel Musik auf den Nebenschauplätzen Grüner und Roter Salon im Haupthaus. 16 Premieren wird es im ersten Halbjahr geben, davon sind 13 eigenproduziert, die anderen sind eingekauft. 

Sandra Hüller liest Herrndorf

Und Schauspieler? Immerhin findet sich einmal der Name Sandra Hüller im Programmbuch. Sie wird Wolfgang Herrndorfs „Bilder einer großen Liebe“ (16. 11.) lesen. „Ja, es gibt auch ganz viele Schauspieler“, sagt Dercon. Zunächst gastweise, doch er hoffe, im Laufe der kommenden fünf Jahre viele von ihnen fest ans Haus binden zu können: „Denn wir brauchen ein Ensemble, und wir brauchen ein Repertoire. Allein daran wollen wir gemessen werden.“

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