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Eine Gemeinschaft sucht nach ihrem Zentrum: Christian Gerhaher in der szenischen Version des „Elias“ von  Calixto Bieito.

SZENISCHE AUFFÜHRUNG IN WIEN

Christian Gerhaher als Elias: Der Prophet brennt nicht

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Mendelssohns Elias ist eine der Lebensrollen von Christian Gerhaher. Erstmals singt er die Partie nun in einer szenischen Version.

Wien - Der Wolfram fiele den meisten wohl ein. Jener „Tannhäuser“-Minnesänger, den die unerfüllte Liebe in die Dauerzerknirschung getrieben hat – vor allem, wenn ihm Christian Gerhaher Stimme und Körper gibt. Oder vielleicht Mozarts Graf Almaviva. Aber Lebensrolle? Da gibt es eine andere. Seitdem der Münchner Bariton, viele Jahre ist das her, erstmals die Titelpartie in Felix Mendelssohn Bartholdys „Elias“ interpretierte, ist dieses Oratorium zu so etwas wie seinem Signum geworden. Was für eine Spanne also, von der frühen, schon so vielversprechenden Deutung in St. Josef seiner Heimatstadt Straubing bis jetzt, zur szenischen Version im Theater an der Wien.

Ohnehin, so findet Gerhaher, dränge der „Elias“ doch zur Theaterbühne. Jene effektvolle Geschichte um einen Propheten, der gegen den Fruchtbarkeitskult des Baal kämpft, Wunder tut, in seiner Verbohrtheit auch zu brutalen Mitteln greift, bevor er im „feurigen Wagen“ gen Himmel rattert. Altes Testament eben. Drei Kreuzzeichen, dass Calixto Bieito die Vorlage in Wien nicht zur Sandalenfilm-Vorlage missbraucht. Auch nicht zur Blut-Schweiß-Tränen-Raserei, die ohnehin gegen die hochdramatische Musik keine Chance hätte.

Alles sehr nihilistisch

Bieitos Exzesse sind ja längst passé. Und so zeigt er in Wien eine wie ihres Zentrums beraubte Gemeinschaft. Einsame, Entwurzelte, Gott und Sinn Suchende. Alles sehr nihilistisch, alles sehr reduziert auf Metallkäfigschick (Bühne: Rebecca Ringst). Und mitten unter den Normalos einer, der zum Anführer nur bedingt taugt. Dieser Elias im großen Holzfäller-Karo ist ein Irritierter, Beziehungsunfähiger. Seine schwangere Frau (Bieito dichtet dem Propheten da Familiäres an) schiebt er immer wieder weg. Und dem blinden Knaben, der das Wunder des Regens voraussieht und Körperkontakt zum Propheten sucht, geht es nicht besser: Erst will der Auserwählte schließlich sein Solo zu Ende bringen.

Weniger lineare Handlung ist das, sondern situativ, atmosphärisch gedacht. Manches verrennt sich in eine Idee, wenn etwa das Kollektiv eine Kartonkirche zerstört und eine halbe Stunde singend damit verbringt, die Pappe zu zerreißen. Im ersten Teil wirkt Gerhaher gelegentlich wie implantiert in die Aufführung. Es gibt Oberflächliches, doch auch psychologisch genaue Momente. Die nehmen Mendelssohns Musik auf und raunen von einer anderen Bedeutungsebene. Dass Gerhaher dabei durch bloßen Gesang mehr Inhalt vermittelt als die Regie, überrascht nicht. Sein Wiener Elias ist weniger Zyniker als sonst. Viele fragende, verunsicherte Momente entdeckt er mittlerweile in der Partie. Beim „Es ist genug“ lässt er ins schwarze Loch blicken. Anderes, das Eruptive, bewegt sich schon im Wotan-Modus. Und doch bleibt alles kontrolliert. Gerhaher, das macht (nicht nur) seinen Elias groß, führt mit bestechender Reflexion Möglichkeiten, Variationen eines Charakters vor, ohne sich der Dramatik zu ergeben.

Bestechender Arnold-Schönberg-Chor

Musikalisch also zwei pausenlose Sternstunden im Theater an der Wien. Auch weil der Arnold-Schönberg-Chor das schier Unmögliche schafft, noch im szenischen Spiel sehr genau, geschlossen, mit schlanker Dramatik zu phrasieren. Maximilian Schmitts Obadjah ist ein Frustrierter, gesungen mit substanzreicher Lyrik, in der zweiten Arie lässt er die Sonne leuchten wie einen utopischen Triumph. Auch die anderen, Maria Bengtsson als Witwe, Ann-Beth Solvang (Königin) oder Kai Rüütel, die als liebender Engel Elias begleitet, schaffen den Grenzgang zwischen Figurenformung und Oratorienstil.

Jukka-Pekka Saraste lässt sich mit dem ORF Radio-Symphonieorchester nicht zum Bombast à la früher Wagner verführen. Aufgedreht wird nur an ausgewählten Stellen, ansonsten hört man Flexibles, fein Verästeltes, Kitschfreies, was gut in den intimen Rahmen des Theaters passt. Am Ende scheitert das Experiment mit dem erwählten Führer. Obadjah übergießt Elias mit Benzin und drückt ihm ein Feuerzeug in die Hand. Doch die Flamme findet kein Futter, der Prophet brennt nicht. Ein Wunder? In Bieitos Logik wohl eher letztes Versagen.

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