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Der Bariton Christian Gerhaher

„Ich bin nur als Außenseiter vermarktbar“

Der Bariton Christian Gerhaher spricht über den Klassikmarkt, wahrhaftigen Gesang und notwendige Selbstzweifel.

Ob Singen wirklich Spaß macht? Gelegentlich gerät man bei ihm ins Grübeln – wie jüngst beim Münchner Elias, als Christian Gerhaher den heiligen, besessenen Zorn des Propheten herausschleuderte. Ein Unsympath vor dem Herrn. Eine Deutung aber, so verstörend wie richtig. Gerhaher, das ist bei ihm in Lied, Oratorium oder Oper stets zu hören, macht es sich eben nicht leicht. Gefälligkeit, auch das Berauschen am Gelingen lehnt er ab. „Interpretation, vor allem die Entwicklung der Stimme funktioniert nur über Selbstzweifel“, sagt er kategorisch. „Wenn man nicht an sich zweifelt, wird der Gesang sofort schal.“

Konzerte am 12., 13., 14., 15.12. im Gasteig: „Vier Präludien und ernste Gesänge“ von Detlev Glanert (nach Brahms). Semyon Bychkov dirigiert die Münchner Philharmoniker, Telefon 0180/ 54 81 81 81.

Gottlob gibt es auch den anderen Christian Gerhaher. Der entspannt in seinem Nymphenburger Haus sitzt, auch mal lacht und sich vor allem wundert: Drei Preise hagelte es in jüngster Zeit, Echo Klassik, BBC Music Award und den Rheingau Musikpreis. „Der Rummel ist mir manchmal suspekt, deshalb nehme ich ihn gar nicht so ernst.“ Ohnehin ist der 40-Jährige das Gegenteil eines Senkrechtstarters. Medizinstudium bis zur Promotion, daneben Gesangsausbildung, daher das stete Schwanken: Will ich die Gesangskarriere wirklich? Dann erste Sporen am Würzburger Theater, bald Aufsehen erregende Lied-CDs und -Konzerte und heute die Gewissheit: Seit dem jungen Fischer-Dieskau hat es keinen solchen Lied-Interpreten gegeben. Der gebürtige Straubinger bleibt trotzdem realistisch. „Ich bin kein Star und werde immer ein Insidertipp bleiben. Ich bin nur halb vermarktbar. Als Außenseiter. Da wird mir allerdings eine Intellektualität unterstellt, die ich gar nicht habe.“

„Markt“, damit wäre ein Stichwort gefallen, bei dem der Adrenalinpegel steigt. Gerhaher kann sich über die Mechanismen der Klassikbranche furchtbar erregen. Über Bilder, unter denen ein Star verkauft wird und somit die Kunst ins Abseits gedrängt wird: „Mich interessiert es nicht, ob da eine Sopranistin in der Badewanne liegt und für etwas wirbt – auch wenn sie toll singt.“ Gerhaher geht es ums Unverfälschte. Eine Verkleidung von Kunst lehnt er ab, eine Anbiederung sowieso. „Man darf die Menschen nicht abholen, wo sie stehen. Die ernste Musik ist eine elitäre Kunst nicht im Sinne von Geld, sondern im Sinne von Zeit nehmen und sich auf etwas einlassen. Es darf nie um Quoten gehen.“

Vielleicht entzieht sich Gerhaher deshalb gern der Opernszene, wo solche Karrieren gedrechselt werden. Ein paar Einsätze gab es. Unter anderem einen Papageno in Salzburg, dem Gerhaher alles Süßliche austrieb, ihn zum mürrischen, umso glaubwürdigeren Clown werden ließ. Oder kürzlich die Titelpartie von Henzes „Prinz von Homburg“ in Wien. Oder demnächst der „Tannhäuser“-Wolfram und der „Figaro“-Graf in München; mit weiteren großen Partien debütiert er in Frankfurt: 2011 Eisenstein, 2012 Pelléas, 2014 Don Giovanni. Oper ist auch deshalb ein heikles Thema, weil Gerhaher zwar von Regisseuren wie Christof Loy und Achim Freyer begeistert ist, aber sonst auch anderes erlebte. „Der Gipfel an Dummheit war die szenische Johannes-Passion von Robert Wilson in Paris.

Ich verstehe nicht, dass so ein Regisseur überall derart viel Geld verbraten darf.“ Da ist er wieder, der heilige Zorn.

Mittlerweile gibt Gerhaher seine Kunst auch weiter – als Professor an der Münchner Musikhochschule. Wobei es ihm nicht allein um Gesangstechnik geht, sondern um eine „breit gefächerte Bildung“. Das hängt mit seinem Werdegang zusammen: Musik hat er nicht studiert, weil ihm ein Doppelstudium neben der Medizin nicht erlaubt wurde. Die theoretische Grundlage gehe ihm „wahnsinnig“ ab – obgleich es schwer vorstellbar ist, dass er die nicht schon längst nachgeholt hat. Gerhaher beklagt, dass es den Hochschulen zu sehr um die Praxis und ums Prestige gehe. Projekte wie „Bohème“ oder „Onegin“ kämen viel zu früh: „Man verplempert mit den Proben sein Studium.“ Ohnehin reife man erst mit 40 zum richtigen Sänger – warum also vorher so etwas ausprobieren?

Dieses Kategorische, Kompromisslose, Hinterfragende, das im Gespräch deutlich wird, schlägt sich auch in Gerhahers Interpretationen nieder. Er nennt das schlicht „Eigenständigkeit im Denken“ – nur so sei ein Sänger authentisch. Keine Note, kein Wort ohne Reflexion. Und manchmal reicht ganz wenig wie in einer Wiener Johannes-Passion unter Nikolaus Harnoncourts Leitung: „Sehet, welch ein Mensch!“ – vier Worte, und der ganze Charakter des Pilatus liegt auf einmal wie ungeschützt offen. Auch deshalb fühlt sich Gerhaher am wohlsten in der sprachlichen Heimat, am allerwohlsten beim deutschen Lied. „Ich habe etwas für mich gefunden, was in gewisser Weise hinhaut“, grinst er.

Und dass er geerdet bleibt, dafür sorgen schon seine Frau („die keine Musikerin ist und mich daher nicht zu toll findet“) und seine Kinder. „Ich möchte einfach ein bürgerliches Leben führen. Nicht im Sinne von bourgeois, sondern von aufgeklärt, mit einer gewissen Distanz zum Beruf und mit einer wunderbaren Familie.“ Klingt gar nicht mehr nach zermürbenden Selbstzweifeln. „So, wie’s g’rad ist, fühle ich mich wohl. Mein Wunsch für die Zukunft ist einfach Kontinuität. Damit ich noch zwanzig Jahre singen kann.“

Markus Thiel

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