Christian und Isolde

- Oper? Läuft nicht mehr, stöhnen die CD-Firmen. Zu hohe Kosten, zu wenig Nachfrage - allenfalls schnell produzierte Specials mit gerade aktuellen Sängerstars bringen noch Euros. Umso erstaunlicher, dass innerhalb weniger Wochen drei neue Gesamtaufnahmen erschienen. Zwei Live-Mitschnitte (was teure Studio-Bedingungen erspart) und eine Produktion, die so elektrisiert, als sei sie in einer Aufführungssituation entstanden.

<P>Die lautesten Fanfarenstöße verursachte dabei die Deutsche Grammophon: Wagners "Tristan und Isolde". Aus der Wiener Staatsoper! Mit Christian Thielemann!! Geleitet von dem Mann also, der einst schnodderte: "Das Einzige, was Sie wirklich ungestraft machen können, ist Wagner-Saufen." <BR><BR>Unwiderstehlicher "Figaro" mit René Jacobs</P><P>Wie wahr. Dirigent und Orchester schwelgen im Kollektivrausch, kosten die Partitur bis zum letzten Tröpfchen Energy-Drink aus - wobei Thielemann, das ist das Phänomenale dieser CD, bei aller Hingabe stets absolute Kontrolle über jede Phrasierung wahrt. Wie ein offenes Buch präsentiert sich hier die Partitur, strotzend vor hitzigen Zuspitzungen und zaub'rischen Momenten. So genau, so penibel und doch so atemlos und emotional aufgeladen ist der "Tristan" wohl kaum je realisiert worden.<BR><BR>Was allein interessiert, das mag auch ein Problem der Aufnahmetechnik sein, sind Thielemann und das Orchester. Nur Deborah Voigt, mit güldener Sopran-Üppigkeit eine formidable Isolde, kann mithalten. Thomas Moser (Tristan) verlässt sich im Liebesduett, auch in den Fieberfantasien auf seine lyrische Vergangenheit, singt präzise, aber zu wohlerzogen. Peter Weber (Kurwenal), Petra Lang (Brangäne) und Robert Holl (Marke) bleiben solide. Also doch eher "Christian und Isolde"?<BR><BR>Wesentlich ausgeglichener, Sänger und Orchester zu einem schier unschlagbaren Kollektiv zusammenschweißend: Mozarts "Le nozze di Figaro" in einer Einspielung mit René´ Jacobs (harmonia mundi). Dass hier ein Sänger dirigiert, davon zeugt die vokalfreundliche, pointenreiche Deutung in jeder Sekunde. Das Concerto Köln und die Solisten agieren derart aufgekratzt, als sei im Studio Schampus geflossen. Spontaneität und Musizierlust, Stilkultur und Mozart'sche Innigkeit verbinden sich hier zu einer unwiderstehlichen Mischung. Wobei, das hat auch schon Jacobs' "Così` fan tutte"-CD gezeigt, am meisten die Rezitative überraschen. Denn die mutieren nicht zur lästigen Gesangsstrecke zwischen zwei Arien, sondern werden als eigentlicher Handlungsträger ernst genommen - befeuert vom hervorragenden Nicolau de Figueiredo am Hammerklavier.<BR><BR>Wichtig bleibt der Ensemble-Gedanke, nicht die eitle Einzelleistung. Simon Keenlyside (Graf), Lorenzo Regazzo (Figaro) und Angelika Kirchschlager (Cherubino) erweisen sich als Muster-Interpreten; Patrizia Ciofi ist kein Kammerkätzchen, sondern eine eher reife Susanna, während Veronique Gens verdeutlicht, dass die Gräfin eben keine Mittfünfzigerin in der Midlife-Krise ist (auch wenn ihr einige Linien zu fragil geraten).<BR><BR>Bindeglied zwischen diesem "Figaro" und einer Münchner Trouvaille ist Kobie van Rensburg: bei Jacobs ein schillernder Basilio, in "Catone in Utica" (Oehms Classics) der Titelheld. Die Aufnahme entstand im letzten Herbst, als Giovanni Ferrandinis Opus anlässlich der Festtage "350 Jahre Oper in München" herauskam. In einer faszinienden, das ganze Cuvillié´stheater miteinbeziehenden Inszenierung von Peer Boysen und mit Christoph Hammer am Pult der vitalen Neuen Hofkapelle.<BR><BR>Dass ohne diese kluge Visualisierung manch Nummer etwas langatmig wirkt, liegt am Komponisten. Und dass die Sänger zuweilen atemlos oder uneben tönen, an der Live-Situation. Dennoch: Robert Crowe (Cäsar) ist ein herrlich zickender, verblüffend auftrumpfender Sopranist, van Rensburg hält mit virtuos-kerniger Gestaltungskultur dagegen. Sandra Moon (Emilia) und Simone Schneider (Marcia) demonstrieren, auf welch hohem Niveau das Gärtnerplatz-Team agiert. Ein wunderbares Andenken also an einen Höhepunkt der Münchner Opern-Saison. Und wo bleibt die Video- oder DVD-Version?<BR><BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Maler Karl Otto Götz ist tot
Er galt als Pionier der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit: Karl Götz. Der Maler ist im Alter von 103 Jahren gestorben.
Maler Karl Otto Götz ist tot
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen

Kommentare