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Mit großen Gesten lässt Christian Stückl beim Gespräch mit MM-Kulturchef Michael Schleicher im Volkstheater-Foyer (re.) eine Ahnung von seiner Inszenierung des „Stellvertreters“ entstehen. Mitreißend und voller Leidenschaft erzählt der 50-jährige Theatermann, welche Debatten Rolf Hochhuths Drama bei ihm und seinem jungen Ensemble ausgelöst hat.

Christian Stückl: „Das Thema gehört weiter erzählt“

München - Christian Stückl spricht im Interview mit dem Münchner über seine Inszenierung von Hochhuths „Stellvertreter“ am Volkstheater und die Angst der Kirche vor der Vergangenheit.

Als Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ im Jahr 1963 in Berlin uraufgeführt wurde, musste die Polizei den Zugang zum Theater kontrollieren. Auch in den Folgejahren sorgte das „christliche Trauerspiel“, in dem Papst Pius XII. vorgeworfen wird, zur Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten geschwiegen zu haben, weltweit für Kontroversen. Jetzt inszeniert Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters und Spielleiter der Passion in Oberammergau, das Drama. Premiere ist morgen. Wir trafen den 50-Jährigen zwischen Beleuchtungs- und Durchlaufprobe zum Gespräch.

Ist Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ für Sie vielleicht auch eine Art Gegengewicht zur Passion?

(Lacht.) Ganz sicher nicht. In Hamburg bin ich nach einer Probe zu Pfitzners „Palestrina“ aus einer Diskussion gekommen, in der es darum ging, ob man Pfitzner noch aufführen darf. Zufällig lag in der Auslage der Buchhandlung neben der Hamburger Oper „Der Stellvertreter“. Ich habe mir das Buch gekauft, es gelesen und gedacht: „Wow, sperriges Stück, aber interessiert mich. Das machen wir.“ Wobei die Auseinandersetzung mit dem Anti-Judaismus schon immer ein Thema für mich war.

Das Stück wurde 1963 in Berlin uraufgeführt, ist also knapp 50 Jahre alt. Was interessiert Sie daran?

Ich habe Pius XII. als Papst nicht mehr erlebt (Christian Stückl wurde 1961, drei Jahre nach dem Tod von Pius XII. geboren; Anm. d. Red.). Mit ihm hatte ich mich bis dato nicht auseinandergesetzt. Wenn ich lese, wie das Stück 1963 eingeschlagen ist, denke ich, dass „Der Stellvertreter“ damals auf eine bestimmte Stimmung gestoßen sein muss: Für viele Deutsche war es befreiend, dass man plötzlich auch auf den Papst zeigen und sagen konnte: „Der Papst hat ja auch nichts gegen den Judenmord unternommen.“ In gewisser Weise hat man ihm damit Unrecht getan. Dass man 1963 auf ein Mal alle Verantwortung beim Papst abladen konnte, interessiert heute aber nicht mehr. Das habe ich auch bei den Proben gemerkt. Die jungen Schauspieler haben an Pius ja gar keine Erinnerung. Die sagen: Wir wissen, dass die Amerikaner zu wenig gegen den Judenmord getan haben, dass die Engländer, die Schweizer und eben auch der Vatikan zu wenig getan haben. Das Stück erzählt für mich vielmehr davon, dass ein junger Mensch Zivilcourage entdeckt und sich einer größeren Idee verschreibt.

Die Zeitgeschichte interessiert Sie also kaum?

Hochhuth verwebt historische Figuren mit einer Geschichte, die so nie stattgefunden hat. Diese Geschichte interessiert mich. Die historische Verantwortung von Pius XII. ist für uns doch auch sehr schwer zu bewerten. Seine genauen Beweggründe können wir nicht ergründen. Aber das Thema gehört weiter erzählt: Denken Sie nur an die Morde der Zwickauer Terrorzelle.

Sie haben Ihr junges Ensemble erwähnt. Wie haben Sie sich mit den Schauspielern Pius XII. genähert?

Das war total spannend. Anders als sonst haben wir uns vier Dokumentationen über die Zeit angeschaut. Dann haben wir einen Historiker eingeladen, der uns Rede und Antwort stand. Und dann haben wir diskutiert, diskutiert, diskutiert: Was heißt Neutralität? Was bedeutete die Angst des Papstes vor dem Bolschewismus? Inwieweit hat es der kircheninterne Anti-Judaismus Pius XII. schwer gemacht, sich für die Juden einzusetzen? Hätte er als Autoritätsperson nicht laut und deutlich Stellung beziehen müssen? Wir haben im Ensemble nur zwei Katholiken. Interessant war bei unseren Diskussionen, dass die protestantischen Schauspieler in dem Glauben lebten, dass die evangelische Kirche mit Martin Niemöller und den protestantischen Widerstandskämpfern auf der richtigen Seite stand. Da mussten wir auch lange diskutieren... Die evangelische Kirche war in der Mehrheit ihrer Mitglieder noch linientreuer als die katholische. Spannend war außerdem, dass alle Schauspieler gesagt haben, dass sie „Hamlet“ oder ähnliche Stücke immer auf Heutiges beziehen können. Beim „Stellvertreter“ ist man aber zunächst in seiner eigenen Geschichte gefangen.

Das Stück wurde bejubelt und beschimpft. Thematisieren Sie das?

Mei, ich muss es zunächst mal ausblenden. Wobei wir mit unserem jungen Ensemble versuchen werden, langsam in die Geschichte hineinzuwachsen. Wir gehen einen eigenen Weg.

Die Uraufführung musste von der Polizei geschützt werden. Erklärt sich das aus den Zeitumständen oder denken Sie, dass Ihre Inszenierung noch immer für Aufregung sorgen wird?

Ein Theologie-Professor, mit dem ich im Vorfeld gesprochen habe, fürchtet, dass ich mit dieser Inszenierung den Medien eine Möglichkeit biete, sich auf die Kirche zu stürzen. Das ist seine Angst – nicht vor dem Theaterabend an sich, sondern vor dem, was daraus entstehen könnte.

Kann diese Angst auch daher rühren, dass sich Teile der Kirche noch immer schwertun, Unrecht – gerade in den eigenen Reihen – offen anzusprechen?

Bereits beim Passionsspiel habe ich gemerkt, dass die europäische Kirche sich im Augenblick überall angegriffen fühlt. Leider versucht die Kirche aber noch immer, viele Dinge einfach auszusitzen. Das gilt auch für ihre Rolle im „Dritten Reich“. Die wurde nie aufgearbeitet und daher rührt die Angst: Denn ich habe doch nur Angst vor den Medien oder vor so einem Theaterabend, wenn ich weiß, dass ich ein Thema noch nicht aufgearbeitet habe. Die Deutschen wurden nach 1945 gezwungen, sich mit dem Unrecht auseinanderzusetzen. Die Kirche nie. Das muss man Hochhuth lassen: Er hat eine Diskussion in Gang gesetzt.

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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