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Choleriker trifft auf Zynikerin: Maximilian Brückner als Halvard Solness und Magdalena Wiedenhofer als Aline Solness. 

Premiere am Münchner Volkstheater

In einem Bauhaus-Bungalow

München - Hausherr Christian Stückl inszenierte am Münchner Volkstheater Ibsens „Baumeister Solness“ mit Film- und Fernsehstar Maximilian Brückner in der Hauptrolle als strenges Kammerspiel. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik: 

Ja, er ist ein „krankes Arschloch“, dieser Halvard Solness, wie seine Gattin treffend feststellt. Das steht so zwar nicht bei Ibsen, aber es passt auf den Titelhelden seines Künstlerdramas „Baumeister Solness“ (1892), das Hausherr Christian Stückl jetzt mit etlichen Text-Aktualisierungen im Münchner Volkstheater inszenierte. Für die Hauptrolle kehrte sogar der Film- und Fernsehstar Maximilian Brückner wieder einmal an den Ort zurück, wo seine Karriere einst startete.

Maximilian Brückner liegt in in Feinripp-Unterwäsche auf dem Boden

Da sieht man ihn also zu Beginn als Star-Architekten Solness in Feinripp-Unterwäsche auf dem Boden flacken und Pommes aus der Pappschachtel fressen, damit er gleich als prolliger Aufsteiger erkennbar ist. In großen weißen Leuchtbuchstaben steht „Solness“ an dem schicken Stahl-Glas-Penthouse seines Architekturbüros, wo er mit eiserner Hand regiert. Die Mitarbeiter werden kleingehalten, damit keiner ihn überflügelt und verdrängt, so wie es der brutale Solness einst selbst mit seinem Arbeitgeber gemacht hat.

Stückl frönt nicht dem Bauerntheater-Barock

Seltsam nur, dass ein so guter, ungeheuer präsenter Schauspieler wie Brückner in dieser Rolle und in dieser Inszenierung wie eine halbe Fehlbesetzung wirkt. Sein Baumeister ist ein hypermotorisches Springinkerl, ein fieser, zwischendurch larmoyanter Choleriker. So wird er zwar als rücksichtsloser Ellbogenkarrierist einigermaßen glaubhaft, aber die Gebrochenheit des Charakters bleibt Behauptung, die inneren Facetten, die Getriebenheit des an sich Leidenden kauft man diesem rustikalen Kraftlackl nicht ab.

Dabei hat sich Stückl selbst diesmal sogar wohltuend im Zaum gehalten. Statt seiner Neigung zum saftig-berserkernden Bauerntheater-Barock zu frönen, inszeniert er ein für seine Verhältnisse fast strenges Kammerspiel – so klar und strukturiert wie ein Bauhaus-Bungalow. Das Ergebnis ist folglich auch keine hochsymbolistische Tragödie über Schöpfertum und Schuld, als die der „Solness“ gerne gegeben wird, sondern ein psychologisches Beziehungsdrama, das durch leichte Tendenzen zur Klamotte sogar von seiner allzu tiefgründelnden Schwere befreit scheint.

Magdalena Wiedenhofer trägt als Frau Solness eine Prinz-Eisenherz-Frisur

So folgt man gespannt einer diesmal gar nicht ausufernden, sondern angenehm verknappten Aufführung von gut 100 Minuten, an der vor allem die präzise gezeichneten Mitglieder der Solness-„Factory“ faszinieren: Magdalena Wiedenhofer als kettenrauchende Architektengattin stakst im hautengen schwarzen Ganzkörperdress daher, und ihre Prinz-Eisenherz-Frisur deutet schon an, wie erstarrt ihr Herz sein muss. Die Trauer über den Tod ihrer beiden kleinen Kinder hat sie in ihrem Inneren verkapselt, und dass Solness’ Karriere erst möglich wurde, weil durch den Brand ihres Elternhauses das Grundstück bebaut werden konnte, hat sie zur seltsam demütigen Zynikerin verhärtet. Dagegen trippelt Solness’ Sekretärin Kaja (wunderbar komisch: Luise Kinner) als durchtriebenes Büro-Mäuschen auf superhohen Absätzen durchs Stahl-Glas-Labyrinth, als wandelnde Männerfantasie und Weibchen-Schema auf zwei langen Beinen quasi, das mit jeder Geste zu sagen scheint: „Vernasch’ mich!“

Begeisterter Beifall nach rund 100 Minuten

„Störe ich?“, fragt darum auch die coole Frau Solness, als sie ihren Gatten in flagranti erwischt, wie er Kaja von hinten an die Wäsche geht. Das steht natürlich auch nicht bei Ibsen, ist aber so gemeint – und sorgt außerdem für Heiterkeit im Publikum – wie auch Timocin Ziegler als betulicher Arzt und Mehmet Sözer als Musterbild eines strebsamen Jungarchitekten. Und dann ist da noch Fräulein Wangel, die unversehens hereinschneit, weil ihr der Baumeister vor zehn Jahren, als sie zwölf war, ein Königreich versprochen hat, das sie jetzt einfordert. In Stückls Fassung hat er sie damals auch noch sexuell missbraucht – eine durchaus plausible Zuspitzung der ganzen Konstellation. Als rotzig-zarte Punk-Göre mit Tattoos und Kapuzenpulli spielt Pola Jane O’ Mara diese klug-naive Kindfrau, diesen unschuldigen Todesengel, der wie ein Katalysator die ganze verfahrene Situation buchstäblich ins Rutschen bringt: Ganz hinten an der Brandmauer sieht man Solness am Ende in den Tod stürzen. Begeisterter Beifall.

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