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Sein Wille geschehe – oder? Pascal Fligg gibt den Regie-Gott Mr. Jay als Gangster-Rapper und Halbwelt-Boss. Hier richtet er gerade die Paradies-Szene ein: mit Cengiz Görür als Schlange (re.).

Das Münchner Volkstheater ist in die Spielzeit 20/21 gestartet

Im Himmel ist die Hölle los

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Von wegen Sommerpause! Das Münchner Volkstheater hat die Ferien vorgezogen und ist jetzt in die neue Spielzeit gestartet. Zum Auftakt inszenierte Intendant Christian Stückl „Die Goldberg-Variationen“ von George Tabori.

Die Sommerspiele von München sind eröffnet. Während sich die meisten Theater, Opernhäuser und Orchester jetzt in die Ferien verabschiedet haben, hat das Münchner Volkstheater diese vorgezogen in die Zeit des Lockdowns. Am Freitag ist das Haus in die Spielzeit 20/21 gestartet; es ist die letzte vor dem Umzug ins neue Domizil am Viehhof.

Zum Auftakt inszenierte Hausherr Christian Stückl im Innenhof an der Brienner Straße die 1991 uraufgeführten „Goldberg-Variationen“ von George Tabori. Eine gute, programmatische Wahl: Der Autor (1914-2007) feiert allen Unzulänglichkeiten, allem Stress und Frust zum Trotz das Theater als großen Schöpfungsakt und die Schöpfung als großes Theater. Im Himmel mag die Hölle los sein – der Mensch aber kommt erst im Spiel zu sich. Und eben das hat (nicht nur) Stückl während der Kontaktbeschränkungen vermisst.

„Die Goldberg-Variationen“ ist eine theologische Komödie 

Das Drama zählt zu Taboris besten Stücken: elegant gebaut, temporeich erzählt, klug und hintersinnig, eine theologisch-gesellschaftliche Komödie, die sich des Antisemitismus und aller anderen Abgründe der Menschheit sehr bewusst ist und die dennoch nicht verzagt. Am Ende verbannt der gepeinigte Assistent Goldberg den Regie-Gott Mr. Jay unter die Bühne und hat somit die Chance, die Inszenierung noch zu retten. Mehr Hoffnung geht nicht.

Stückl hat diese vogelwilde Emanzipationsgeschichte geschickt gekürzt und auf fünf Figuren reduziert. Er inszenierte mit Lust am Lachen und in hohem Tempo. Sein Ensemble geht das mit – angetrieben von Tom Wörndls Kompositionen. Die haben zwar nichts mit Bachs „Goldberg-Variationen“ zu tun, die Tabori vorgeschrieben hat. Aber erstens ist der Autor nicht Gott. Und zweites passt das, was Wörndl und Severin Rauch da live interpretieren, sowieso perfekt.

Mr. Jay trägt einen Jonathan-Meese-Gedächtnis-Trainingsanzug von Adidas

Stefan Hageneier hat eine simple, doch effektive Bühne in den Volkstheater-Garten gebaut, das Publikum sitzt Corona-tauglich an Bistrotischen, bewirtet vom Meschugge nebenan. Diese 95 pausenlosen Minuten sind eben auch eine Feier des Theaters als gemeinschaftliches Erlebnis. Lediglich bei miesem Wetter wird im Saal gespielt.

Das herrscht bei der Premiere nur auf dem Bühnenvorhang, auf den ein alter Stich gedruckt ist: Der Herrgott blickt auf seine Schöpfung und lässt es regnen. Ähnlich bescheidener Stimmung ist Regisseur Mr. Jay (klingt im englischen Original wie die Abkürzung von Jahwe), der in George Taboris Theater-auf-dem-Theater-Stück die Bibel inszenieren will. Pascal Fligg lässt kein Klischee aus bei der Gestaltung dieses Machos, der sich berauscht an seiner Macht: Im Testosteron-Meer zwischen Gangster-Rapper und Box-Promotor Ebby Thust steckt sein jähzorniger Bühnenbeherrscher im Jonathan-Meese-Gedächtnis-Trainingsanzug von Adidas und ist mit Gold beringt. Dieser Kotzbrocken muss nicht nur das letzte, sondern auch das erste Wort haben. Das ist einer, der die Bibel umschreibt, damit sein Wille geschehe. Die Rolle ist ein Lotto-Sechser für jeden Darsteller, Fligg weiß und nutzt das.

Cengiz Görür spielt in der Passion 2022 den Judas

In Mauricio Hölzemann findet er den Gegenpart, den es dringend braucht: Sein Goldberg ist die eigentlich spannende Figur, deren Entwicklung vom Knecht seines Herrn zum Überwinder desselben („Ich habe soeben die Nächstenliebe erfunden.“) Hölzemann nachzuzeichnen versteht. Ein großer Spaß ist seine Persiflage aufs Theater, als Goldberg den Tanz ums Goldene Kalb einrichten darf.

Stückl hat um das Miteinander-Ringen der beiden, das in Jays schwer zu ertragendem Antisemitismus gipfelt, weitere starke Figuren gruppiert: Luise Deborah Daberkow als Starlet Terese, die unter anderem als Sara ein herrliches Feminismus-Solo hat; Timocin Ziegler als frustrierter Profi, der jede Bibelgestalt mit großer Lässigkeit gibt, und Cengiz Görür (der Judas-Darsteller bei der Oberammergauer Passion 2022), der etwa Isaak als heftiges Pubertier zeigt – sie alle dürfen mal glänzen. Zudem glückt das Zusammenspiel, vor allem aber die Gratwanderung zwischen krachendem Klamauk und den ernsten Passagen. „Muss Theater gefallen?“, wird einmal gefragt. Natürlich nicht. Aber hier tut es das. Langer, heftiger Applaus.

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