Christian Stückl

Christian Stückl

„Eifersucht ist wie eine Krankheit“

München - Vor der Premiere hat der Münchner Merkur mit dem Volkstheater-Intendant Christian Stückl über Shakespeares „Wintermärchen“ gesprochen.

Endlich wieder Shakespeare. Eineinhalb Jahre ist es her, dass Christian Stückl dem Mann mit dem schier endlosen Œuvre auf der Passionsbühne in Oberammergau huldigte. „Antonius und Cleopatra“ stand dort im Sommer 2012 auf dem Spielplan. Das ist keine Ewigkeit her. Der Intendant des Volkstheaters aber hat den Engländer vermisst. „Ich habe schon lang keinen Shakespeare mehr gemacht“, sagt er. Ursprünglich wollte Stückl auch jetzt keinen inszenieren. Für Anfang März war eigentlich die Siegfried-Saga geplant, in einer völlig neuen Fassung. Das Mammutprojekt allerdings klappte so schnell nicht, und Stückl musste sich nach einem anderen Drama umsehen. Sein Lückenfüller ist nun William Shakespeares „Wintermärchen“. Premiere ist an diesem Sonntag.

Eine interessante Wahl. Das Stück wird nicht allzu oft gespielt und firmiert seit den Shakespeare-Ausgaben des späten 19. Jahrhunderts nicht mehr wie früher als Komödie, sondern als Romanze. „Ich finde die Bezeichnung Romanze für ein Stück eigenartig. Was ist denn das? Aber wahrscheinlich ist das wegen des vierten und fünften Akts“, vermutet Stückl. Darin nämlich verwandelt der Autor das bis dahin tragische Psychodrama in eine Posse und krönt diesen Umschwung mit einem glücklichen Ende. Diesen plötzlichen Bruch mögen viele Regisseure offenbar nicht. „Dabei sind die ersten Akte so spannend“, schwärmt Stückl. „So unvermittelt, wie es plötzlich zu schneien anfängt, bricht da die Eifersucht über einen Mann herein. Er dreht durch und macht sich alles kaputt. Das ist ganz aktuell, die Geschichte könnte so in der Zeitung stehen.“

Max Wagner, derzeit auch als „Der große Gatsby“ im Volkstheater zu sehen, wird ab Sonntag diesen Psycho spielen: König Leontes bezichtigt plötzlich seine Frau des Ehebruchs, verursacht dadurch ihren Tod wie auch den des gemeinsamen Sohnes. Seine neugeborene Tochter wiederum hält er für ein Kuckuckskind und setzt sie kurzerhand in der Fremde aus. Erst Jahre später trifft er sie wieder. „Eifersucht ist wie eine Krankheit“, sagt Christian Stückl. „Wir glauben, wir seien selbstbestimmt, das stimmt so aber nicht. Manche menschlichen Eigenschaften können wir nicht einfach aus uns rauswaschen.“ Einen therapeutischen oder kathartischen Ansatz verfolgt er mit seiner Inszenierung denn auch weniger. Der Zuschauer sieht auf der Bühne allenfalls einen Spiegel seiner selbst. „Manchmal habe ich schon einen missionarischen Eifer, etwa bei ,Ghetto‘ oder ,Der Stellvertreter‘. Aber nicht immer denke ich beim Entwickeln des Stücks daran, was es beim Publikum bewirkt. Man macht Theater ja auch aus einem gewissen Eigennutz und Spaß heraus.“

Den Spaß ließ sich der 52-Jährige auch vom auf den ersten Blick unpassenden Ende des „Wintermärchens“ nicht verderben. „Man reitet der Sonne entgegen – ein solches Happy-End gibt’s im Leben auch nicht.“ Der Schluss wird zwar in Stückls Inszenierung weitgehend dem Original entsprechen. Den vordergründig munteren Ton allerdings will der Regisseur durch ein paar Kunstgriffe umkehren. Was auf den ersten Blick glücklich wirkt, wird nun bedrohlich.

Dafür gibt es fürs Volkstheater selbst vielleicht bald ein Happy End – und einen ebensolchen Neuanfang. Noch vor einem Jahr knüpfte Stückl die Verlängerung seines 2015 auslaufenden Vertrags an die Forderung nach einem neuen oder gründlich renovierten Theater. Das Haus an der Brienner Straße jedenfalls hält in seinem Zustand nicht mehr lange durch. Der Bau gehört dem Bayerischen Fußballverband und ist eine ehemalige Turnhalle. Um ihn auf den neuesten Stand zu bringen, müsste die Stadt Unsummen in ein Gebäude investieren, das ihr gar nicht gehört. Also entstand die Idee, das Theater solle umziehen oder anderswo komplett neu errichtet werden. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Derzeit prüft der Stadtrat drei potenzielle Standorte: die Großmarkthallen, das Kreativquartier in der Nähe des Leonrodplatzes sowie den Viehhof an der Tumblingerstraße.

Stückls Favorit ist nach wie vor letzterer. Der Viehhof sei zentral gelegen, umgeben von einem lebendigen Stadtteil. „Unmittelbar nach der Kommunalwahl könnte eine Entscheidung gefällt werden“, sagt der Intendant. „Und ich glaube, letztlich wird man sich auf den Viehhof einigen.“ Auch wenn die Standortfrage noch im Schwange ist: Eines steht für Christian Stückl mittlerweile fest, egal, wohin das Volkstheater einmal zieht: „Ich werde meinen Vertrag verlängern.“

Katrin Hildebrand

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