+
Auf Karajans Thron: Seit 2013 ist Christian Thielemann künstlerischer Leiter der Salzburger Osterfestspiele.

Jubiläum bei den Salzburger Osterfestspielen

Christian Thielemann: „Retro ist schick“

  • schließen

Salzburg - Zum 50-jährigen Bestehen haben sich die Salzburger Osterfestspiele etwas Besonderes ausgedacht. Karajans Produktion von Wagners „Walküre“, mit der das Festival 1967 in seinen ersten Durchgang startete, wird wiederbelebt. Im Interview erklärt Christian Thielemann, warum er das richtig findet.

Einst durfte er zur Rechten des Dirigentengottes sitzen. In den Achtzigern war das, als Christian Thielemann die Proben Herbert von Karajans am Klavier begleitete, zum Beispiel 1980 beim Salzburger „Parsifal“. 2013 hat Thielemann den Thron des großen Kollegen bestiegen – als künstlerischer Leiter der Salzburger Osterfestspiele. Wenn der 58-Jährige nun auch noch an diesem Samstag die Premiere der legendären „Walküre“ dirigiert, ist er endgültig zu einer Art Stellvertreter auf Erden geworden. In Thielemanns Jahresprogramm haben sich damit zwei Fixpunkte herauskristallisiert. An Ostern ist er der Salzburger Dominator, im Sommer amtiert er als Bayreuther Musikdirektor.

Was hätte Karajan als ein Verfechter der Innovation dazu gesagt, dass man nun eine 50 Jahre alte Produktion hervorholt?

Christian Thielemann: Wahrscheinlich hätte er das gut gefunden. Wir empfinden hier diese „Walküre“ als ungeheuer zeitlos. Natürlich kann man Bedenken gegen eine solche Neubefragung haben. Aber die werden weggewischt in dem Moment, in dem der Vorhang aufgeht. Diese Ästhetik sieht nicht nach Sechzigerjahre aus. Ich stelle mir die Produktionen von Wieland Wagner in ihrer Wirkung ähnlich vor. Und da außerdem gerade Retro ein bisschen schick ist, sehe ich das, was wir machen, fast schon als Innovation. Grundsätzlich geht es bei dieser Idee aber nicht um die Glorifizierung der damaligen Zeit, sondern um die Befragung der Bühnenästhetik von gestern, heute und morgen.

Lyon hat jetzt drei legendäre Operninszenierungen reanimiert: Irgendwas scheint gerade in der Luft zu sein. Woher kommt der Retro-Trend?

Thielemann: Mein erster „Tristan“ war die alte Inszenierung von Ruth Berghaus in Hamburg. Diese Produktion ist mir bis heute unauslöschlich im Gedächtnis geblieben. Warum also soll man solche wunderbaren Arbeiten nicht noch einmal zeigen? Sie dürfen nicht vergessen: Vera Nemirova hat jetzt bei der „Walküre“ im alten Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen eine ganz eigene Regie entwickelt. Es gibt auch ganz neue Kostüme. Und trotzdem ist das alles aus einem großen Respekt heraus geschehen. Als ob man ein altes ehrwürdiges Haus mit einem neuen Farbanstrich oder neuen Fenstern versieht.

Die extrem breite Bühne im Großen Festspielhaus wird gern als problematisch angesehen...

Thielemann: ...ich hatte vor diesem Hintergrund befürchtet, dass man in dieser offenen Szenerie die Sänger nicht hören kann. Das Gegenteil ist der Fall! Ich bin geradezu fassungslos, wie gut die Stimmen getragen werden. Dieses angeblich so komplizierte Haus ist offensichtlich wirklich dafür gebaut, dass man die Bühne nicht verkleinert. Deshalb dieser große Rundhorizont und zum Beispiel die riesenhafte Esche im ersten Akt. Eine ziemlich erotische Geschichte übrigens. Der erste „Walküre“-Akt hat zum Teil geradezu pornografische Musik, und dazu gibt es eben ein adäquates Bühnenbild. Wie sie mir selbst sagte, hat Vera Nemirova richtig Spaß daran, in so einer vermeintlich so alten szenischen Kiste herumzuwühlen.

Sie auch?

Thielemann: Aber sicher. Und wie gesagt: Seitdem ich in Salzburg arbeite, habe ich noch nie so wenige akustische Probleme festgestellt. Jetzt wird mir auch klar, warum Karajan seine damalige „Walküre“ teilweise sehr lyrisch besetzt hat – mit Gundula Janowitz als Sieglinde und Régine Crespin als Brünnhilde. Die kamen trotz des Riesenorchesters durch. Mit unserer Besetzung hier bin ich übrigens mehr als zufrieden. Wir werden dem Publikum mit Vitalij Kowaljow eine absolute Wotan-Entdeckung präsentieren.

Karajan hat die Salzburger Osterfestspiele als sein Privatfestival gegründet. Wäre eine solche Allmachtsposition für einen Dirigenten heute noch möglich?

Thielemann:  Heutzutage braucht man sicherlich einen Intendanten, mit dem man harmoniert. Ich habe selten mit einem so klugen Ratgeber wie mit Peter Ruzicka zusammengearbeitet. Er ist für mich auch ein guter Freund. Wir ziehen hier alle an einem Strang. Karajan hatte ja auch seine Helfer. Gut, Regie würde ich mir nie zutrauen.

Beneiden Sie Karajan um seine Position damals?

Thielemann: Ich beneide ihn keinesfalls um seine Popularität, die er über die Musik hinaus genoss. Sich am Steuer eines Flugzeugs oder mit einer neuen Halstuch-Kollektion fotografieren lassen, das ist nicht meins. Was mir imponiert: Er prägte alles, was er tat, mit seinem so besonderen ästhetischen Stempel. Das tu’ ich auch gern. Wobei man vorsichtig sein muss, dass man sich nicht festfährt. Ich habe zum Beispiel den „Tristan“ zwölf Jahre lang liegen lassen, bevor ich ihn in Bayreuth wieder dirigierte. Das ist der Sache gut bekommen. Ich finde übrigens auch, dass es nicht gut ist, wenn das Repertoire zu groß ist. Ich glaube nicht, dass man Prokofjew, Debussy und Wagner mit demselben guten Stempel versehen kann. Auch von einem Pianisten, der Schubert-Experte ist, würde man ja nicht unbedingt eine Offenbarung bei Strawinskys „Petruschka“ erwarten.

Wie stark ist man in der Planung eingeengt? Die Gäste der Osterfestspiele wollen doch nur Altbekanntes. Als Simon Rattle etwa Brittens „Peter Grimes“ aufführte, ging die Nachfrage sofort zurück.

Thielemann: Das Publikum ist offener, als man so denkt. Und es hat sich weiterentwickelt. Als wir hier im vergangenen Jahr Henzes achte Symphonie musiziert haben, gab es enorme Begeisterung. Natürlich müssen wir von den Sängern her das Bestmögliche bieten. Und ich bin auch nicht für Schocktherapien. Wir spielen ja fürs Publikum, nicht für uns. Was ich oft höre: Die Festspielbesucher möchten italienische Oper hören. Und sie wird auch wieder kommen, schon sehr bald.

Wie weit in die Zukunft hinein planen Sie bei den Osterfestspielen?

Thielemann: Die Pläne sind bis 2021 weitgehend festgeklopft, und auch für die Zeit darüber hinaus werden Gespräche geführt. Vielleicht könnte man in einem Festivaldurchgang auch mal zwei Opern spielen. Die Staatskapelle Dresden hat übrigens eine interessante Salzburger Geschichte. Karajan höchstselbst hat in den Sechziger- und Siebzigerjahren das Ensemble hier in Konzerten dirigiert. Insofern schließt sich da ein wunderbarer Kreis.

Lesen Sie dazu auch: Zur Geschichte der Salzburger Osterfestspiele.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Es ging alles mit rechten Dingen zu“
München - Die AfD im Bundestag, die Große Koalition geplatzt, Angela Merkel mit der einzigen Option, nun mit FDP und Grünen eine Koalition bilden zu müssen – diese Wahl …
„Es ging alles mit rechten Dingen zu“
Wim Wenders eröffnet Festival in San Sebastián
Der deutsche Regisseur Wim Wenders hat zum Start der 65. Filmfestspiele von San Sebastián sein Liebesdrama „Submergence“ vorgestellt. In den Hauptrollen spielen Alicia …
Wim Wenders eröffnet Festival in San Sebastián
Plaudern in Zeiten der Cholera
David Bösch eröffnete mit seiner Inszenierung von Maxim Gorkis Drama „Kinder der Sonne“ die Spielzeit am Münchner Residenztheater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik. 
Plaudern in Zeiten der Cholera
Erst hart, dann virtuos: Schwergewichte im Garage Deluxe
Mit Onslaught und Artillery geben sich am Mittwoch zwei Schwergewichte des europäischen Thrash-Metal die Ehre im Münchner Rockclub „Garage Deluxe“. Am Freitag lässt …
Erst hart, dann virtuos: Schwergewichte im Garage Deluxe

Kommentare