+
Christian Thielemann.

Neuer Musikdirektor des Grünen Hügels

Thielemann im Merkur-Interview: „Welche Mächte sind da im Spiel?“

  • schließen

Bayreuth - Christian Thielemann spricht im Merkur-Interview über den Posten eines Musikdirektors am Grünen Hügel in Bayreuth und über übelwollende Gerüchte.

Nach eigenem Bekunden ist dieser Mann gerade im Dauer-Rausch. Richard Wagners „Tristan und Isolde“ hält Christian Thielemann für die härteste Droge der Opernhistorie. Bei der Bayreuther Premiere am Samstag steht der 56-Jährige im Graben – als frisch gekürter Musikdirektor des Grünen Hügels.

Vorher waren Sie „nur“ Berater in Bayreuth, was machen Sie nun als Musikdirektor?

Es geht eben über die bloße Beratung hinaus. Man redet bei Sängerbesetzungen mit, ist beim Vorsingen dabei und bespricht das mit der Festspielleiterin. Darüber hinaus regelt man einiges bei Treffen mit dem Orchesterdirektor und dem Chorleiter – so, wie es sich an einem normalen Theater auch verhält. Der Bereich Regie fällt nicht in meinen Aufgabenbereich, aber in Bayreuth spricht man natürlich über alles. Es ist immer gut, wenn mehrere Leute gehört werden und der Kreis der Entscheidungsträger etwas erweitert wird.

Erweitern stimmt nicht ganz. Eva Wagner-Pasquier ist nicht mehr dabei. Nehmen Sie ihre Stelle ein bei den Sängerbesetzungen?

Nein. Katharina Wagner ist die Festspielleiterin, und ich helfe ihr in musikalischen Dingen. Eva Wagner-Pasquier hat sich vereinbarungsgemäß nicht ums Orchester gekümmert. Außerdem ist sie weiterhin in beratender Funktion tätig. Ich habe übrigens ein Interesse daran, hervorragende Kollegen nach Bayreuth zu holen. Manchmal kann da ein persönliches Gespräch sehr hilfreich sein. Und wenn sie dann hier sind, kann ich ihnen Ratschläge geben, gerade weil ich schon etliche Aufführungen am Hügel dirigiert habe – so, wie ich es auch bisher gehalten habe.

Man hört, Sie haben mindestens bis 2022 Verabredungen.

Das ist richtig. Mir ist künstlerische Kontinuität sehr wichtig. Ich kenne dieses Haus gut. All das bedeutet auch, dass ich andere Sommerfestivals nicht so bedienen kann, wie ich es vielleicht gerne würde. Was wiederum nicht schlimm ist, da eine solche Verabredung auch fürs eigene Leben eine wunderschöne Kontinuität bedeutet. Mit Menschen, die man mag zu arbeiten, und das in einem Haus, an dem das Herz hängt – was gibt’s Besseres? Außerdem passt alles zu Dresden. Richard Wagner war dort Hofkapellmeister. Beim „Tristan“ jetzt sitzen Mitglieder der Staatskapelle an manchen ersten Pulten. Überhaupt ist es lustig, dass viele Musiker aus Orchestern kommen, bei denen ich Chef war oder bin: aus Dresden, von der Deutschen Oper Berlin, von den Münchner Philharmonikern und sogar aus Nürnberg. Ich trage einen Teil meiner Orchester mit mir rum. (Lacht.)

Ihre Kollegen Daniel Barenboim und Kirill Petrenko haben sich kritisch zum angeblichen Hügelverbot von Eva Wagner-Pasquier geäußert...

Ich habe das mit ihr lange besprochen. Und ich bin gerade dabei, den Urheber des Gerüchts ausfindig zu machen. Weder ich habe ein solches Verbot gefordert noch irgendjemand hat das in meinem Auftrag getan. Einem so etwas zuzutrauen, halte ich für eine veritable Beleidigung. Die Kollegen hätten an sich Recht, wenn sie kritisieren, dass man mit Eva Wagner-Pasquier so nicht umgehen könne. Die Voraussetzung ist dabei allerdings, dass sich die Dinge tatsächlich so zugetragen haben. Welche Mächte sind da eigentlich im Spiel, die Frau Wagner-Pasquier und mir schaden wollen?

Hand aufs Herz: Gehören solche Diskussionen nicht zu Bayreuth dazu, auch wenn seit der Nachkriegszeit betont wird „Hier gilt’s der Kunst“?

Sie haben Recht: Zu jedem Sommer scheint ein Skandälchen dazugehören zu müssen. Und wenn’s keines gibt wie heuer, muss man sich eben eines backen. Trotzdem: Für mich gilt’s immer noch der Kunst. Ich komme nicht wegen meines Dienstparkplatzes hierher und auch nicht wegen der Gage. Die Tatsache, dass dies hier nur einmal im Jahr stattfindet, dazu diese aufputschende, in den Wahnsinn treibende Musik, all das führt wohl zu solchen Ausnahmezuständen in der Wahrnehmung der Festspiele. Sogar die Wahl eines Chefdirigenten bei einem anderen Orchester wird plötzlich zum Bayreuth-Thema. In Berlin sagen wir dazu: Hammses nich ne Nummer kleener?

Wenn der Skandal gebacken war, könnte man auf Unterlassung klagen.

Aus dem Alter bin ich raus, das bringt nichts. Die Gedanken sind frei. Aber ich bin nicht dafür verantwortlich, welcher Mist manchmal gedacht oder geschrieben wird.

Kurz nachdem die Berliner Philharmoniker ihren neuen Chef gewählt hatten, wurde Ihre Aufgabe als Bayreuther Musikdirektor bekannt gegeben. Gab es einen Zusammenhang?

Keinen. Den Bayreuther Vertrag habe ich schon seit Januar. Wir wollten das erst bei der Pressekonferenz bekannt geben. Diese unselige Dienstparkplatz-Story hat uns zum Umdenken gezwungen. Es stimmt: Nur einer der fünf Parkplätze hinterm Festspielhaus ist der für den Dirigenten, und der ist jetzt per Schild für den Musikdirektor reserviert. Es gibt zwei für die Festspielleiterinnen, einen für den Arzt und einen für den Geschäftsführenden Direktor. Aber ich habe allen Kollegen gesagt: Wenn ich nicht im Haus bin, trete ich meinen grundsätzlich ab. Außerdem ist der von Eva Wagner-Pasquier nun frei. Je länger ich darüber rede, denke ich mir wieder: Was für eine lächerliche, aufgebauschte Geschichte.

Weinen Sie der Berliner Position nach?

Überhaupt nicht. Mir geht es wahnsinnig gut in Dresden. Sie ahnen nicht, wie sehr ich der Staatskapelle und diesem herrlichen Haus verbunden bin. Dazu kommen die Verpflichtungen bei den Salzburger Osterfestspielen. Ich habe da für mich eine wunderbare Konstruktion gefunden. Und ich freue mich darauf, wieder bei den Berliner Philharmonikern zu gastieren. Im übrigen finde ich es gut, dass ich frei habe, wenn ich zu Hause bin. Als ich noch GMD an der Deutschen Oper Berlin war, habe ich von der Stadt nichts gehabt. Ich denke mir bei alledem immer: Das wahre Paradies existiert nicht, aber in Bayreuth sind wir ihm schon bedenklich nahe.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

„Tristan und Isolde“

im Radio, BR-Klassik an diesen Samstag ab 15.57 Uhr Übertragung der Premiere; im Kino am 7.8. im Münchner Cinemaxx ab 15.45 Uhr;

als Fernsehausstrahlung, 3sat am Samstag, 8. 8., 20.15 Uhr.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare