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Christoph Schlingensief.

Bayerische Staatsoper

Christoph Schlingensiefs „Mea Culpa“

München - „Lebt wohl“? Gibt’s nicht, geht gar nicht. Auch nicht „Adieu“ oder ein zweideutiges „Auf Wiedersehen“. Ein simples „Tschöööss!“ schickt uns der bärtige Mann durch den fast geschlossenen Vorhang entgegen.

Und trotz Isoldes „Liebestod“, den die 82-jährige Elfriede Rezabek gerade mit brüchiger, herzangreifender Stimme gesungen hat: Es geht weiter. Weil er, der Christoph, noch keine Lust auf den finalen Abgang hat – auch wenn schon wieder Metastasen festgestellt wurden.

Wie also mit solch einer Opern-Kabarett-Wucherung an der Schwelle zum Doku-Drama umgehen? Etwas bedröppelt sitzt das Publikum daher im Münchner Nationaltheater, ringt sich dann zu Bravi für die Mitwirkenden, vor allem für Mittelpunktsmann Christoph Schlingensief durch. Vielleicht auch, weil so etwas für die Staatsopern-Besucher (und viele „Zugänge“ aus dem Schauspiel-Lager) neu ist: Zum Saisonauftakt hat Intendant Nikolaus Bachler „Mea Culpa“, Schlingensiefs satirisch-berührende Selbstbespiegelung, für ein zweitägiges Gastspiel vom Burgtheater nach München geholt. Und damit, nicht uneigennützig, eine Brücke geschlagen von seiner Ex-Spielwiese zur Staatsoper. Im größeren Haus tut sich „Mea Culpa“ anfangs etwas schwer. Anders als in Wien, wo diese „ReadyMadeOpera“ im März uraufgeführt wurde, wirkt das kühn arrangierte „Best of“ aus Wagners „Parsifal“, auch manch intime Theaterszene eine Nummer zu klein.

Aber dann pegelt man sich ein. Auf eine ganz unweinerliche, dafür manchmal abstruse, immer schwebeleichte, auch zornige Abrechnung mit der eigenen Krankheit, vor allem aber mit all denen, die das K-Wort nicht über die Lippen bringen, dafür manch „gut gemeinten“ Ratschlag für den Krebspatienten parat haben.

Doch was hilft? Jedenfalls nicht der „Wir wollen Entspannung“-Song der Ayurveda-Gruppe, auch nicht die Floskel-Parade der Ärztin oder das Klettern ins Modell einer Tumorzelle, um den Feind mit den eigenen Waffen zu schlagen. Und vor allem nicht das Entsagungsgeraune von Wagners letzter Oper, die Schlingensief selbst ja inszeniert hat und die ihn, wie er mittlerweile glaubt, erst richtig krank gemacht hat. Dann schon eher ein „Festspielhaus für Afrika“. Ein Projekt, das Schlingensief ja tatsächlich plant, dessen Modell hier verdächtig nach Bayreuth aussieht, das er aber mitnichten als typischen Kultur-Kolonialismus versteht.

Wie schon in Wien ragen zwei aus der Aufführung heraus: Joachim Meyerhoff als Schlingensiefs völlig unähnliches Alter Ego, ein Fahriger, Getriebener im grünen Samtanzug, Modell Sozialkundelehrer. Und Fritzi Haberlandt als Frau an seiner Seite, die im hektischen Monologisieren erst mit der Krankheit des Mannes umgehen lernen muss. Neben den bei Schlingensief üblichen, umso wahrhaftigeren Laiendarstellern hat das Burgtheater auch Größen wie Margit Carstensen geschickt. Und auf Irm Hermann als skurriler Kassandra-Engel kann ja ohnehin keine Schlingensief-Performance verzichten.

Dem Zweieinhalbstünder kommt zugute, dass es der Meister inzwischen viel weniger wuchern lässt als früher, dabei seine Videos, Musikzuspielungen und Live-Klänge, vor allem seinen Zitatenschatz viel genauer konzentriert. Und als Christoph Schlingensief im zweiten Akt selbst die Bühne entert, eigene Brasilien-Filme kommentiert und Reflexionen Krebskranker vorträgt, ist die Grenze von der Kunst zur Realität ohnehin auf beunruhigende Weise überschritten. Gleichwohl: Der Abend endet versöhnlich. Weil da einer Mut macht. Weil er Unausgesprochenes ins Scheinwerferlicht holt. Und weil Schlingensief inzwischen enorme Breitenwirkung erzielt: Dass ein Rebell, ein Demontierer durch seine tückische Krankheit nun Staatstheater-tauglich geworden ist, wäre ja auch einmal zu diskutieren.

Markus Thiel

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