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Christopher Lee 2002 bei einer James-Bond-Ausstellung in London.

Schauspieler mit 93 gestorben

Nachruf auf Christopher Lee: Eigenwillig einzigartig

London - Er war Dracula und Saruman, Opernsäger und Sprachtalent: Im Alter von 93 Jahren ist der britische Schauspieler Christopher Lee gestorben. Ein Nachruf.

Ein Feingeist, ein ausgebildeter Opernsänger, dekorierter Kriegsheld, Geheimdienstler, Sprachentalent, Heavy-Metal-Sänger, Adelsspross und Wagner-Fan – all das war Sir Christopher Lee auch. Im Gedächtnis bleiben wird er aber als der Dracula-Darsteller. Im Jahr 1958 spielt er den Vampir so eindringlich, verführerisch und beängstigend, dass es im Grunde danach keinen anderen mehr geben kann. Stolze 1,96 Meter groß, mit langem Cape und einschüchternder Körpersprache jagt er seinerzeit dem Kinopublikum und danach bei zahlreichen Wiederholungen im Fernsehen den Zuschauern einen Riesenschrecken ein – damals fließt das Filmblut erstmals in Farbe, für viele ein echter Schock.

Da ist Lee schon ein Mitdreißiger, der in vielen Filmen als Nebendarsteller auftaucht und die Hoffnung auf die ganz große Karriere womöglich schon aufgegeben hat. Dracula macht ihn zum Star, wird aber auch sein Schicksal. Sieben Mal spielt er den transsilvanischen Blutsauger, mit irritierender Eleganz, erotischer Ausstrahlung, aber eben auch mit einer kalten Aura und lauernder Brutalität in den Augen. Die Idealbesetzung. Die Studios produzieren die Fortsetzungen freilich immer liebloser und billiger, um ihren Gewinn zu erhöhen, bis Lee 1972 endgültig das Vampir-Gebiss herausnimmt. Es bleibt der Fluch, immer Dracula zu sein, und die lebenslange tiefe Freundschaft mit seinem Film-Gegenspieler Peter Cushing.

Nach Dracula kommt Saruman im Herrn der Ringe

Wirft man einen Blick auf die Rollen, die er danach spielt, verfestigt sich der Eindruck, Lee hätte gedreht, was ihm eben so unterkam. In den Sechzigerjahren hat er immerhin parallel zu „Dracula“ die erfolgreiche „Fu Man Chu“-Reihe vorzuweisen, und 1974 ist er als Mann mit dem goldenen Colt Bond-Bösewicht – großes Kino. Danach häufen sich Werke, die man im Interesse dieses Mannes besser sofort vergisst.

Lee erzählt später, bei vielen dieser Gurkenfilme sei er von Produzenten unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verpflichtet worden. Das mag durchaus zutreffen – hemmungsloses Lügen gehört zum Berufsbild des Filmproduzenten. Aber Lee lässt sich schon auch verdammt oft bequatschen. Mit insgesamt 280 Filmauftritten hält er im westlichen Kulturraum einen einsamen Rekord unter Schauspielern. Wäre er im Jahr 1993 gestorben, wie einige britische Zeitungen seinerzeit fälschlicherweise meldeten, würde Lee als eher tragische Figur gelten, trotz einiger sehr solider Auftritten in passablen Produktionen.

Aber nun ist er im fast schon biblischen Alter von 93 Jahren als echter Weltstar abgetreten. Denn exakt zur Jahrtausendwende nimmt Christopher Lees Karriere eine einzigartige Wendung. Nach Jahrzehnten zwischen Mittelmaß und echtem Mist begeistert er in der „Herr der Ringe“-Trilogie als sinistrer Magier Saruman und erreicht ein ganz neues, junges Publikum, das „Dracula“ in der Regel nur vom Hörensagen kennt. Wieder überzeugt er, trotz fortgeschrittenen Alters, mit einschüchternder physischer Präsenz und natürlich mit der gewaltigen, donnernden, theatralischen Stimme, die wie geschaffen für ein solches Filmepos ist. Gleichzeitig wird er in den Fortsetzungen der „Star Wars“-Saga als Count Dooku Teil der Popkultur. Lee wird als 80-Jähriger richtig hip. Es kommen – endlich – interessantere Angebote, er dreht unermüdlich. Zuletzt hat der Schauspieler mit der „Hobbit“-Trilogie wieder einen Welterfolg.

Christopher Lee war glühender Wagner-Fan

Ebenso eifrig arbeitet der glühende Wagner-Fan seit den Siebzigerjahren an Schallplatten und Hörspielen, mit ziemlich großem Erfolg. Zuletzt verblüfft er mit Heavy-Metal-Platten, die tatsächlich in die Charts kommen. Noch so ein Rekord: Nur wenigen ist es bislang im Alter von 91 gelungen, in den Hitparaden zu landen. Die Alben veröffentlicht er als „Charlemagne“, weil sich die Adelslinie der mütterlichen Familie angeblich bis zu Zeiten Karls des Großen zurückverfolgen lässt. Auch sonst pflegt Lee zeitlebens sehr gerne einen leichten Snobismus, aber mit feiner britischer Ironie abgemildert.

In seinem Beruf war er so professionell wie wenige andere. Immer höflich, geduldig, auf Wunsch auch auf Französisch oder Deutsch erzählte er von „Dracula“, dem Filmgeschäft und seiner ziemlich eigenwilligen und einzigartigen Karriere. Die einzige Anwandlung von Diventum war einmal der klar formulierte Wunsch, in München auf jeden Fall im Hotel Königshof untergebracht zu werden und nirgendwo sonst. In den bunten Blättern tauchte er nie auf. Keine Drogen-Eskapaden, seit 1961 mit derselben Frau verheiratet, keine Skandale. Er war immer ein Solitär, bewusst. Und so hat er auch gespielt in seinen besten Rollen: unnahbar, dominierend, mit einem Anflug von Melancholie in den sonst harten Augen, weil er mehr wusste als andere. Es ist schön, dass ein gerechtes Schicksal ihm im Alter noch die Anerkennung und den Erfolg brachten, die er verdient hat.

Zoran Gojic 

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