+
Wunderbar spröde Poesie: Nils Kahnwald als Hamlet im Konfettiregen.

„Hamlet“-Premiere an den Münchner Kammerspielen

Der Rest ist – Jubel

  • schließen

München - Hausregisseur Christopher Rüping glückte an den Münchner Kammerspielen eine hochkonzentrierte Inszenierung von Shakespeares „Hamlet“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik: 

Der Rollstuhl war gar nicht geplant. Er ist eine Notlösung, weil sich der Schauspieler Nils Kahnwald kurz vor dieser Premiere in den Kammerspielen („Kammer2“) am Meniskus verletzte und darum nur schlecht „auftreten“ kann. Also wird er vom Regieassistenten über die Bühne gerollt. Doch diese Anmutung des Provisorischen, dieser Hauch von Beckett passt so hervorragend ins Konzept, dass der Rollstuhl unbedingt beibehalten werden sollte! Als Moment der Hemmung, Behinderung und Mühe macht er Christopher Rüpings großartige, präzise und hochkonzentrierte Inszenierung perfekt.

Aber was wird hier gespielt? Drei Personen suchen einen Autor? Oder ein Orgien-Mysterien-Theater à la Hermann Nitsch? Auf jeden Fall sieht man drei Personen, die Kübel voller Theaterblut sich gegenseitig über den Kopf und auf die Gitterroste schütten, mit denen die Bühne bedeckt ist. Den roten Saft holen sie sich von riesigen Plastiktanks, aus denen er durch Zapfhähne in die Eimer plätschert. Ozapft is! Sonst gibt es an Requisiten nur ein paar Stühle und kiloweise Konfetti, die durch ein Rohr in die Luft geblasen werden, aber mit diesen spärlichen Mitteln gelingen Bilder von wunderbar spröder Poesie. Rechts steht noch ein Tisch mit Keyboard, wo der Musiker Christoph Hart schon mal mit einer Tröte direkt ins Mikrofon tutet, dass es ohrenbetäubend kreischt. Und links hängt ein Display, auf dem in Leuchtschrift immer wieder Zitate aus dem Text erscheinen, die dann von den Schauspielern „abgelesen“ werden. Denn die drei Personen suchen keinen Autor. Sie haben ihn schon gefunden, er heißt Shakespeare, und das Stück heißt „Hamlet“.

Neu-Interpretation der Hamlet-Figur

Ausgerechnet diese Über-Tragödie, dieser totinszenierte Mythos eines Dramas, das man gar nicht mehr neu auf die Bühne bringen kann, weil jede weitere Inszenierung nur aus Zitaten der schon dagewesenen Inszenierungen bestünde. Genau da setzt Rüping an, indem er diesen wunden zum archimedischen Punkt seiner Deutung macht. Ergebnis: Die drei Schauspieler spielen nicht „Hamlet“, sondern sie spielen „Hamlet spielen“. Und siehe da, durch diese Generalverfremdung, diese Über-, Unter- und Hintertreibung mit Versatzstücken aus dem Zitatbaukasten gewinnt das Stück eine „sekundäre“ Ursprünglichkeit zurück.

Auf dieser Folie gelingt der Aufführung erstaunlich mühelos eine grundstürzende Neu-Interpretation der Hamlet-Figur. Der Dänen-Prinz ist hier nämlich kein Zauderer und Zweifler, sondern ein veritabler Psychopath. Ein durchgeknallter, eisig glühender Fanatiker und absoluter Nihilist, der im Wahn der „Reinigung“ die Menschen um ihn her vernichtet – und sich selbst. Sein Credo: „Es ist nicht und es wird auch niemals gut.“

Katja Bürkle hat man noch nie so gut gesehen wie hier

Dargestellt wird dieser Anarcho-Puritaner hauptsächlich von Katja Bürkle und Nils Kahnwald, die beide durch fast bedrohlich wirkende Intensität faszinieren. Wer jeweils gerade die Hamlet-Partie übernimmt, zieht sich einen schwarzen Kapuzenpullover an, und dann legt Kahnwald ein schneidend-herrisches Welterlöser-Gebaren an den Tag, während Bürkle die Figur mit flackernd-böser Ego-Arroganz ausstattet. Wobei man diese Schauspielerin noch nie so gut, so frei und ausdrucksstark gesehen hat wie diesmal. Walter Hess übernimmt eher die älteren Figuren: Herrlich, wie er den Brudermörder Claudius als leicht vertrottelten König-Ubu-Verschnitt im Morgenmantel hinzittert. Und wenn er als Hamlets Mutter im naturalistischen Tudor-Kostüm auftritt, ist das saukomisch und anrührend filigran zugleich. Wo’s aber ans Eingemachte geht, versuchen die Schauspieler, sich erst mal zu drücken und verschwinden von der Bühne.

Der Rest ist - Jubel

„Sein oder nicht sein“ erscheint bedrohlich blinkend und piepsend als Schrift auf dem Display. Und weil keiner ran will an das große Zitat, greift der Musiker ein und spielt vom Band historische Aufnahmen berühmter Mimen ab, die den Satz mit knarzendem Pathos zelebrieren. Dann wallt Nebel auf, irgendwann trauen sich die Akteure doch wieder raus, und alles endet, wie es begann: in orgiastischen Blutschüttungen. Der Rest ist – nein, nicht Schweigen, sondern begeisterter Jubel und Getrampel des Publikums. Denn sie können’s eben doch noch, die Kammerspiele, allen jüngst verklungenen Wehklagen über den neuen Stil dort zum Trotz.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Kas mit Karoline
Das New Yorker Regieduo 600 Highwaymen versuchte sich im Auftrag der Salzburger Festspiele an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Lesen Sie hier unsere …
Kas mit Karoline
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Beim Münchner Krimi-Herbst des Internationalen Krimifestivals München lesen hochkarätige Krimi- und Thriller-Autoren aus aller Welt aus ihren Büchern.
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache
„Gscheid gfreid“ hat sich Martina Schwarzmann am Sonntag. Die Kabarettistin erhielt die „Bairische Sprachwurzel“. Damit wurde ihr Einsatz zur Rettung der Dialektvielfalt …
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache

Kommentare