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Katja Bürkle und Nils Kahnwald spielen (zusammen mit Walter Hess) an den Kammerspielen „Hamlet“.

Interview zur Premiere an den Münchner Kammerspielen

„Hamlet ist Richter und Henker“

München - Gleich zum Auftakt des Jahres lassen es die Münchner Theater krachen. Wenige Tage nach „Macbeth“ am Residenztheater folgt in den Kammerspielen ein weiterer Shakespeare-Klassiker: An diesem Donnerstag hat „Hamlet“ in der Kammer 2 Premiere, inszeniert von Christopher Rüping. Im Gespräch erläutert der 31-Jährige sein Verhältnis zu dem Über-Stück.

Wie inszeniert man „Hamlet“ mit nur drei Schauspielern, so wie Sie es tun?

Bei uns ist die Ausgangssituation die, mit der Shakespeares Text endet. Der sterbende Hamlet erteilt seinem Freund oder „Jünger“ Horatio den Auftrag, seine Geschichte der Nachwelt zu erzählen. Der kleine Horatio muss vom großen Hamlet berichten – ein Ding der Unmöglichkeit! Das gefällt mir als Ausgangssituation deshalb so gut, weil es dem latenten Minderwertigkeitskomplex entspricht, den man in der Beschäftigung mit einem so ungeheuer großen Text immer empfindet: Man fühlt sich eine Spur „zu klein“. Und genau dieser defizitäre Zustand spiegelt sich in der defizitären Besetzung mit nur drei Schauspielern. Auf den ersten Blick sieht man, dass das Ensemble für ein Vorhaben dieser Größenordnung „zu klein“ ist. Die Nöte und Zwänge, die aus einer solchen Setzung entstehen, interessieren mich.

Gibt es noch festgelegte Rollen?

Nein, Katja Bürkle, Nils Kahnwald und Walter Hess schlüpfen abwechselnd in alle für uns relevanten Rollen. Alle drei sind Hamlet, meistens abwechselnd, zum Teil auch gleichzeitig. Grundsätzlich sind sie aber natürlich Horatio, der von Hamlet erzählt.

Was ist Hamlet aus Ihrer Sicht für ein Typ?

Eigentlich hat unser kulturelles Gedächtnis diese Figur ja gut im Griff. Ich erinnere mich an meinen Deutschkurs beim Abitur – da wurde uns Hamlet vorgestellt als der Zögerer, der Zweifler, der Philosoph. Darum war ich sehr erstaunt, dass Hamlet, diese zentrale Figur unserer kulturellen Identität, mir bei meiner jetzigen Lektüre im Licht unserer Gegenwart plötzlich ganz anders erschien, nämlich als Radikaler.

Als Radikaler?

Ja, Hamlet ist einer, der sich hinstellt und sagt: „Die Zeit ist aus den Fugen, und es ist an mir, sie wieder einzurenken.“ Er hält sich für auserwählt. Es ist an ihm, die Welt von der Fäulnis zu säubern, mit der sie geschlagen ist – „Wen Schuld trifft, quälen; den ohne Schuld befreien“, formuliert er seinen Auftrag an einer Stelle. Und bei der Durchführung dieses Auftrags ist er so konsequent, dass am Ende des Stücks fast alle tot sind – inklusive seiner selbst. So betrachtet ist diese Figur kein Zögerer, sondern Richter und Henker in einer Person. Er ist kein Opfer, sondern Täter. Es war mir wichtig, das rauszuarbeiten. Dafür mussten wir dem Text keine Gewalt antun. Es steht alles schon so drin.

Christopher Rüping 

Die berühmte „überzeitliche Gültigkeit“ des Klassikers...

Es ist irre, da haben wir einen Text, der vor 400 Jahren geschrieben wurde, aber diese Figur Hamlet erscheint immer aus der Sicht der jeweiligen Gegenwart auf andere Art und Weise. Das ist geradezu berauschend beim Inszenieren. Und irgendwie auch erschreckend: Dass einem ausgerechnet die Figur, die für unsere Kulturgeschichte von einer solch zentralen Bedeutung ist, plötzlich als Amokläufer erscheint.

Haben Sie den berühmten Monolog „Sein oder Nichtsein“ gestrichen?

Nein, auf keinen Fall! Ich verstehe zwar sehr gut, warum er manchmal gestrichen wird; weil das natürlich ein so sprichwörtlicher, viel zitierter Satz ist, dass man ihn unmöglich ohne Anführungszeichen sprechen kann. Man staunt wirklich, wie schwierig das ist – aber genau darum machen wir’s natürlich! Und auch nicht etwa nebensächlich, sondern ausgestellt und groß; wir machen es den Schauspielern so schwer wie möglich, das zu sprechen.

Haben Sie sonst viel Text weggelassen?

Bei „Hamlet“ geht es natürlich nie ohne Streichungen, und mit unserer Besetzung sowieso nicht. Wir haben eine Fassung erarbeitet, die das Fragmentarische, Schlaglichthafte betont, das dieses wirre und chaotische Stück auszeichnet. Es war mir wichtig, „Hamlet“ nicht auf ein gut nachvollziehbares Familien-Drama zu reduzieren, das ist zu wenig.

Können Sie uns verraten, wie man es macht, schon mit 31 Jahren ein so erfolgreicher Regisseur zu sein?

Das ist natürlich ein Geschenk, wenn es so früh klappt. Bei mir war’s tatsächlich auch Glück, denn das Schwierige ist zuerst mal, die Möglichkeit zu einer Inszenierung zu bekommen, mit der man sich zeigen kann. Ich hab die Chance damals in Frankfurt bekommen, weil eine andere Regisseurin ausgefallen ist und ich einspringen konnte.

Vor einigen Wochen gab es heftigen Streit, ob an den Münchner Kammerspielen zu viel Performance gemacht wird und zu wenig Schauspiel. Was von beidem machen Sie denn?

Ich finde, das ist einfach eine unzutreffende, extrem künstliche Trennung. Jede Form von Schauspiel ist Performance, und kaum eine Performance kommt ohne Schauspiel aus. Gerade an den Kammerspielen kann man das in vielen Produktionen so erleben, auch in unserem „Hamlet“. Ich halte es für sinnvoll, sich von diesem schematischen Begriffspaar als Gegensatz zu verabschieden und anstelle dessen konkret darüber zu sprechen, was auf der Bühne passiert und was man im Zuschauerraum erlebt.

Das Gespräch führte Alexander Altmann.

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