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Manege frei: Szene mit (v.li.) Carolin Ritter, Thorsten Petsch, Katharina Ruckgaber, Reinhild Buchmayer und Nam Young Kim, hinten Hui Jin in der Titelrolle.

Premierenkritik

Mozarts Antikenoper "Titus" im neuen Gewand

München - Hinreißende Momente, künstlicher Druck und der Wille des Mobs in der Manege: Im Circus Krone bekommt Mozarts Oper "Titus" ein ganz neues Gewand. Eine Premierenkritik:

Auf der Zielgerade entgleist die Sache, jedenfalls für den Herrscher. „Sesto vive“ skandiert Annio, „Sesto, lebe!“, und bald fallen sie alle ein. Das Bühnenpersonal, aber auch auf den Rängen wird „Wir sind das Volk“ gespielt. Minutenlang. Und mit Erfolg: Roms Kaiser bewahrt Sesto vor der Hinrichtung, prompt gerät Mozarts letzte Oper in Schieflage. „La clemenza di Tito“, Titus’ Milde, das ist also nicht die freie Entscheidung des Kaisers – sondern der Wille des Mobs.

Darüber kann man diskutieren. Eine aparte Wendung. Wie so vieles in dieser Aufführung an einem der ungewöhnlichsten Opern-Orte Münchens. Aber dafür ist ja das Off-Ensemble Opera incognita bekannt, das Mozarts „Idomeneo“ schon im Müllerschen Volksbad vom Stapel laufen ließ. „Titus“ nun, das Antikendrama des reifen Wolferl im Zirkusgewand, das liegt dort nahe, wo sonst Tiger durch Reifen müssen und Artisten aufs Seil dürfen.

Regisseur und Truppen-Gründer Andreas Wiedermann ist mit Udo Ebenbeck (Bühne) und Bianca Schmidt-Hedwig (Kostüme) ein oft atemverschlagendes Beschäftigungsprogramm eingefallen. Sesto gibt den seriösen Weißclown, Freund Annio watschelt als Tollpatsch mit Chaplin-Schuhen durch die Manege, Vitellia ist die Trapez-Domina mit Netzstrümpfen und Tito, ganz klar, der Direktor. Mal wird zu Duetten jongliert, mit Reifen oder, wenn’s innig wird, mit Herzchen. Und beim Brand des Kapitols darf Vitellia unter der Kuppel schaukeln, während sich der Chor in der Arena die Lösch-Eimer reicht. Keine Sechzehntel verstreicht unchoreographiert. Und dass die Solisten dabei (meistens) schönste Mozart-Wonnen produzieren, ist das Bemerkenswerteste der drei Stunden. Erkenntnismehrwert? Das spielt bei der Einfalls-Überdosis weniger eine Rolle, versteht sich doch Wiedermann als einer, der (vermeintlich) Hochtrabendes populär verpackt. Und wo sein Zirkus nicht nach Menschen, Tiere, Sensationen riecht, sondern nach Roncalli duftet, da gelingt auch reinste Poesie.

Die Riesenseifenblasen, denen alle nachstaunen, oder Servilia auf zwei Hockern stehend, sodass Annio fürs Bussi auf Stelzen muss, das sind hinreißende Momente. Und den Augenblick, wenn Sesto seine Weißclown-Kappe abzieht, blondes, langes Haar sichtbar wird und damit gleich der ganze Hintergrund, warum es zur engen „Freundschaft“ mit dem Kaiser kam, gibt der Sache eine starke Wendung. Vieles freilich ist nur „gemacht“. Wiedermann setzt das Stück dann unter künstlichen Druck – wo doch Mozart eigentlich schon so viel sagt, ganz ohne Beilagen. Dem schwebte schließlich eine Menschenschau vor, keine Typenparade.

Akustisch ist der Krone-Bau eine Opernentdeckung. Die Stimmen tragen hervorragend. An der Spitze der jungen Riege: Nam Young Kim, eine sehr „fertige“ Vitellia mit substanzreichem, leicht manövrierbarem Sopran und dem für diese Rolle großen Vokalumfang. Dicht gefolgt Hui Jin, der seinen lyrischen Tenor leichtgängig durch die Tito-Partie segeln lässt. Reinhild Buchmayer gibt den Sesto mit großer Intensität und den notwendigen Bitterstoffen, gerät „dank“ des Dauerspiels auch mal an Grenzen. Katharina Ruckgaber ist in Spiel und stimmlicher Agogik sehr selbstbewusst – ein Bühnennaturtalent. Torsten Petsch (Publio) und Carolin Ritter (Annio) ergänzen das ausfallfreie Ensemble. Dirigent Ernst Bartmann kämpft mit dem klein besetzten Orchester akustisch auf verlorenem Posten, die Instrumentalisten schlagen sich allerdings hochachtbar. Zwischendurch gibt’s (Achtung, Ambition!) sogar neu komponierte Rezitative. Auch das hätte Mozart eigentlich gar nicht nötig.

Weitere Vorstellung am 15.9., 0180/ 54 81 81 81.

Markus Thiel

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