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Verlieben sich: Ikarus, gespielt von Fernando Miro und La Promise, verkörpert von Alona Zhuraval.

Atemberaubende Show

Cirque du Soleil in München: Dramatische Akrobatik

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München - Der kanadische Cirque du Soleil gastiert mit seiner Show „Varekai“ in München – ein atemberaubender Augenschmaus.

Wie viele Meter werden es sein? 15? Oder vielleicht 20? Als die Artistin Sarah Guyard-Guillot im Juni 2013 bei einer Show des Cirque du Soleil in Las Vegas in den Tod gestürzt war, hatte man zunächst 15 Meter angenommen. Gutachter korrigierten die Höhe später auf 27 Meter – die zweifache Mutter war in den Orchestergraben gestürzt. Vor den Augen des Publikums, das den Unfall zunächst für einen Teil der Show gehalten hatte.

Jetzt hängt Fernando Miro in schwindelerregender Höhe, gefangen in einem Netz. Der 27-Jährige windet sich darin, geschmeidig wie eine Katze. Hat er keine Angst, dass das Netz reißt? „Überhaupt nicht“, sagt er während der Generalprobe im US Airways Center in Phoenix, Arizona. „Fünf Leute prüfen schließlich die Sicherheitsvorkehrungen.“ Trotzdem war bei Guyard-Guillot das Seil gerissen. „Das war ein technischer Defekt. Man hätte das nicht verhindern können“, meint Miro.

Was soll er auch sonst sagen? Mit dem Leben zu bezahlen, ist das Berufsrisiko von Luftakrobaten. Und bislang war der tragische Tod von Guyard-Guillot das einzige Unglück in der 30-jährigen Geschichte des kanadischen Cirque du Soleil. Fernando Miro ist zum dritten Mal bei dem Zirkus unter Vertrag. Aber zum ersten Mal spielt er die Hauptrolle. Der Puerto Ricaner, der seine Karriere als Tänzer begann, verkörpert Ikarus in der Show Varekai, die ab 2. Dezember in der Münchner Olympiahalle zu sehen ist. „Varekai“ ist Romani und bedeutet: wo auch immer.

Die Show beginnt da, wo die Geschichte von Ikarus endet: Während Ikarus in der griechischen Mythologie ins Meer stürzt und stirbt, fällt Ikarus in Varekai in ein Netz, das die Bewohner der sagenhaften Welt Varekai gespannt haben. Ikarus’ Flügel sind verletzt, es scheint, als könne er sich nie wieder bewegen.

Der Autor von Varekai, Dominic Champagne, ließ sich von seiner eigenen Erfahrung zu der Geschichte inspirieren. Er konnte nach einem Unfall nicht mehr laufen. Bis er dachte: „Ich brauche meine Füße nicht, ich kann auf den Händen laufen.“ So erzählt es der künstlerische Leiter des Cirque du Soleil, Fabrice Lemire. Es gehe in Varekai darum, sich Herausforderungen zu stellen. Seinen Traum zu verwirklichen.

Das klingt freilich sehr amerikanisch. Dabei stammen die 100 Mitglieder der Varekai-Kompanie aus 19 verschiedenen Nationen. Physiotherapeuten aus Kanada, eine Kostümbildnerin aus Japan, Artisten aus Russland kommen unter anderen nach München. Was sie zeigen, lässt sich mit einem Wort beschreiben: atemberaubend.

Der Cirque du Soleil wird dem sogenannten Nouveau Cirque zugerechnet. Eine Kunstform, die als Antwort auf den Popularitätsverlust des klassischen Zirkus entstand. Im Gegensatz zu diesem verzichtet der Nouveau Cirque auf Tierdressuren. Er zeigt stattdessen, wozu der menschliche Körper fähig ist, wenn man ihn nur hart genug trainiert.

Eine wichtige Rolle kommt den Kostümen und dem Bühnenbild zu. Die Varekai-Kostüme entwarf keine Geringere als Eiko Ishioka. Sie erhielt 1993 einen Oscar für die Kostüme, die sie für Bram Strokers Dracula von Francis Ford Coppola entwarf. Anders als im klassischen Zirkus sind beim Nouveau Cirque nicht einzelne, voneinander unabhängige Nummern zu sehen. Stattdessen wird eine Geschichte erzählt. Wie im Theater.

Deshalb nehmen die wechselnden Artisten des Cirque du Soleil Schauspielunterricht in der Zirkusschule am Stammsitz in Montréal. Dort lernen sie auch, sich zu schminken. „Für die Maske habe ich anfangs zwei Stunden gebraucht“, erzählt Alona Zhuraval, 23 Jahre alt. Die bildschöne Handstandakrobatin spielt die weibliche Hauptrolle: La Promise, eine exotische Kreatur, die sich durch die Liebe zu Ikarus in eine Frau verwandelt.

Zhuraval ist Russin, spricht aber fließend Deutsch. Sie wuchs in der Nähe von Trier auf. Als Tochter eines Sportgymnasten und einer Handstandakrobatin, die beim Zirkus Flic Flac unter Vertrag sind. „Ich bin in die Akrobatik hineingewachsen. Habe schon als Kind hinter den Kulissen nachgemacht, was meine Eltern auf der Bühne zeigten“, erzählt Zhuraval. In Varekai wagt auch sie eine Luftakrobatik-Nummer. Ob ihr das nicht schwer fällt nach dem Tod von Guyard-Guillot? „Wir konzentrieren uns nicht auf den Unfall. Sondern darauf, dass es nicht noch einmal passiert.“

Vorstellungen vom 2. bis 16. Dezember in der Münchner Olympiahalle; Karten ab 50,15 Euro gibt es im Internet auf www.muenchenticket.de, unter Telefon 089/ 54 81 81 81 und an allen Vorverkaufsstellen.

von Bettina Stuhlweißenburg

 

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