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Schön anzuschauen – wenn man sie denn sieht: Feuerkünstler aus der Show „Alegria“ in der Olympiahalle.

Cirque du Soleil: Verkümmerte Poesie

München - Die Münchner Olympiahalle ist eine Nummer zu groß für die „Cirque du Soleil“-Show „Alegria“. Eine Kritik:

Wer in der Olympiahalle „Alegria“ sieht, die aktuelle Show des Cirque du Soleil (noch bis Sonntag), der mag an Heinrich Böll denken: Ansichten eines Clowns. Denn genau hier liegt das Problem: Man sieht sie kaum, die Clowns, die Gaukler, die Buckligen und die Schmerbäuchigen, die Schlangenmenschen und die Menschenschlangen. Die ganze skurrile Menagerie, die sich die Zirkus-Revoluzzer aus Montréal mit viel Liebe zum Detail einfallen ließen – sie geht unter, weil die Olympiahalle zwar ein Zeltdach hat, aber alles andere als ein Zirkuszelt ist. Und weil sich aus der Ferne nur erahnen lässt, ob mit den melancholischen Clowns, frei nach Simmel, auch die Tränen kamen.

Über 400 Kostüme haben die Kanadier für „Alegria“ geschneidert, in einem einzigen Vogelkostüm stecken 200 Stunden Arbeit. Wer sich in der Olympiahalle nicht die teuersten Plätze in der Arena geleistet hat (Tipp: unbedingt Fernglas mitnehmen!), bekommt davon wenig mit. Und das ist ein Jammer.

Denn die Künstler wie die mongolischen Schlangenmädchen, die Feuertänzer oder das urkomische menschliche Motorrad sind erstklassig – aber ist der fliegende Mann wirklich ein fliegender Mann oder eine fliegende Frau? Wie traurig schaut der Clown bei der womöglich herzzerreißenden Abschiedsszene am Bahnhof? Man erkennt es kaum, er wirkt wie ein Kammersänger im Wiesn-Zelt.

Der Cirque du Soleil, der weltweit derzeit mit 22 verschiedenen Shows unterwegs ist, braucht solche Riesenarenen, um auch dann Geld zu verdienen, wenn er nur wenige Tage am Ort ist. Doch in der Olympiahalle verkümmert die Poesie leider zum circensischen Stadionrock. Bon Jovi mit Clowns.

Jörg Heinrich

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