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Clint Eastwood über seine Arbeit als Regisseur und Schauspieler: „Das ist es, was man als Künstler will: Möglichkeiten und Vertrauen.“

Interview

Interview, Trailer und Kritik zum neuen Film von Clint Eastwood

Zum Start von „Gran Torino“: Clint Eastwood über starke Frauen, harte Burschen, Traditionen und das Altwerden.

Ein 1972er-Ford Gran Torino gab dem neuen Film von Clint Eastwood, der morgen in unseren Kinos anläuft, seinen Titel. Der 78-Jährige, der Regie führte und die Hauptrolle übernahm, spielt hier eine Rächerfigur hart an der Grenze zur Karikatur. Das Drama hat im Januar auf Anhieb die Spitze der US-Kinocharts erobert und ist damit das beste Debüt überhaupt für Eastwood. Nach wie vor halten sich Gerüchte, „Gran Torino“ sei Eastwoods letzter Auftritt als Schauspieler.

Der Trailer zum Film

Die Film-Kritik: Stellungskrieg im Vorgarten

-Was interessiert Sie am Kino am stärksten?
Das Thema des Verlusts der Unschuld beschäftigt mich geradezu obsessiv. Wer wirklich eine Tat verübt, ist weniger wichtig als die daraus resultierenden Folgen für die Umwelt. Davon habe ich immer wieder versucht zu erzählen.

- Sie haben einst als Rächer und harter Bursche begonnen. Je älter Sie werden, umso „weicher“ und humaner wirken Ihre Filme – wie jetzt bei „Gran Torino“. Ist das Altersweisheit?
Ich habe meine Ansichten über viele Dinge in den letzten Jahrzehnten geändert. Und das nicht einmal, sondern zehnmal. Manche Filme, die ich als Darsteller oder auch als Regisseur gemacht habe, würde ich heute gar nicht mehr drehen. Oder jedenfalls völlig anders. Wenn man älter wird, wird man oft auch klüger, zumindest reifer. Ich bereue nichts, aber ein paar Dinge hätte ich im Rückblick gern anders gemacht.

- Welche?
Entscheidungen für bestimmte Rollen. Aber ich sage Ihnen jetzt nicht, welche. Letztlich sind solche Erfahrungen Teil des Lebens. Auch Fehler und Niederlagen formen den Charakter.

-Würden Sie heute etwa keinen Rache- oder Polizeifilm mehr drehen?
Doch, schon. Das kommt natürlich auf den Stoff an. Was ich aber nicht mehr machen würde: Selber den Cop spielen. Dazu bin ich zu alt.

-Sie gehen auf die 80 zu. Was hat das Alter für Folgen?
Zunächst einmal eine sehr gute: Ich muss keine Karriere mehr machen und keine Rücksicht mehr nehmen. Nicht jeder Film muss tolle Zahlen schreiben. Ich muss mich auch anderen sogenannten Gesetzen der Filmbranche nicht mehr beugen. Ich mache einfach die Filme, die mich interessieren. Manchmal kommt es dann zu positiven Überraschungen: Nehmen Sie „Million Dollar Baby“. Die Geldgeber stöhnten, weil sie kein Vertrauen in den Stoff hatten. Aber der Film hat allein in den USA über 100 Millionen Dollar eingespielt und vier Oscars gewonnen. So kann man sich täuschen!

-Sie zeigen in Ihren Filmen starke Frauen: zuletzt Hilary Swank in „Million Dollar Baby“ und Angelina Jolie in „Changeling“. Wie wählen Sie Ihre Darstellerinnen?
Das ist eine Frage des Realismus. Damit die Geschichte glaubwürdig wird, dürfen es jedenfalls keine Barbie-Puppen sein. Ich will Natürlichkeit, kein typisches Hollywood. Frauen dürfen schön sein im Kino, aber ihre Verführungskraft muss einen Platz in der Story haben, und wenn Sie sich im Kino angezogen fühlen, muss es etwas mit dem ganzen Film zu tun haben.
Ich mag am liebsten die starken Frauen im Kino der 40er-Jahre. Das waren tolle Rollen, sie hatten nichts Passives. Vielleicht ist das einfach ein Überbleibsel meiner Kindheit. Die 50er, frühen 60er waren dagegen furchtbar: Frauen hatten im Kino nichts anderes zu tun als toll auszusehen, ihren Pferdeschwanz zu kämmen und zu heiraten. Ich drehe auch Filme über Frauen, weil ich Mitleid mit ihnen habe. Sie müssen viel aushalten, oft mehr als die Männer. Ich habe auch Männer gezeigt, die Schlimmes erdulden mussten. Etwa im Krieg. Aber aus meiner Sicht ist etwa eine Vergewaltigung noch schlimmer.

-Meryl Streep, mit der Sie „Bridges of Madison County“ drehten, hat erzählt, es sei an einem Film-Set niemals wieder so ruhig zugegangen wie bei Ihnen. Sie gelten als sehr schneller Arbeiter.
Man hat da ein wenig übertrieben. Ich versuche, einen Zustand herbeizuführen, an dem von Anfang an alles stimmt. Dann muss man eine Szene nicht oft wiederholen, und es geht schnell. Meryl Streep ist sehr konzentriert und intensiv, aber zu viel Vorbereitung kann auch gefährlich sein. Man riskiert, seine Spontaneität zu verlieren. Ich drehe darum auch die Proben gern mit.

- Die Orte, in denen Ihre Filme spielen, werden oft selbst zu einem Akteur.
Absolut. Eine Stadt ist eine eigene Persönlichkeit. Bei „Mystic River“ wollte das Studio in Toronto drehen. Aber der Film spielt in Boston, also mussten wir dort arbeiten. Ich wollte, dass die Hauptdarsteller Tim Robbins, Sean Penn und Kevin Bacon die Atmosphäre der Stadt regelrecht schmecken. Filme müssen in der Gegend, in der sie spielen, verwurzelt sein. Wenn das nicht der Fall ist, dann sieht das der Zuschauer vielleicht nicht. Aber er spürt es.

-Seit Jahrzehnten arbeiten Sie mit den „Warner Bros.“-Studios zusammen. Was bedeutet Ihnen das?
Ich respektiere die Tradition. Aber ich glaube offen gesagt nicht, dass zum Beispiel die Angestellten von Warner die Tradition ihrer eigenen Firma gut kennen und dass sie ihnen wirklich etwas bedeutet. Einige bekannte Warner-Darsteller waren für mich als junger Schauspieler dagegen geradezu emblematisch. Besonders James Cagney und Humphrey Bogart. Ich bewundere sie sehr. Große Charakterdarsteller. Sie hatten niemals Angst, sich außerhalb der Normen zu bewegen. Die Frisur von Bogart in John Hustons „Der Schatz der Sierra Madre“ ist zum Beispiel unglaublich: ohne einen Hauch von Glamour. Cagney konnte die schlimmsten Dinge auf der Leinwand tun. Er schien zu allem fähig. Als Regisseur habe ich das Glück, bei Warner viel Freiheit zu genießen. Das ist es, was man als Künstler will: Möglichkeiten und Vertrauen.

-Haben Sie unter Ihren eigenen Werken eigentlich Lieblingsfilme?
Selbstverständlich. Einige meiner liebsten Filme sind jene, die von der Öffentlichkeit nicht richtig verstanden oder zu negativ aufgenommen wurden. Zum Beispiel „Perfect World“ oder „Honkytonk Man“. In diesem Film habe ich auch ganz persönliche Kindheitserfahrungen aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise verarbeitet. Damals war die Solidarität zwischen den Menschen größer. Es ist schade, dass Wohlstand mit Egoismus einhergeht.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

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