Clown Gottes

- Er hat kein Gramm Fett auf den Rippen. Kein Wunder! In seinem Solo "Frank", Auftakt soeben von Münchens Tanzwerkstatt Europa, läuft, trippelt, tänzelt Brit-Schelm Nigel Charnock unentwegt hin und her über die Weite der Muffathallenbühne, während er dabei frank - und manchmal mehr als das - durch politisch aktuelle und existenzphilosophische Themen hechelt: Bushs Amerika, Libanons Hisbollah und Israel; Geburt, Liebe, Töten - ein rasender Wortdurchfall.

Der franke Nigel steigt über Tribünensitze, hüpft zurück auf die Bühne, singt einen Billie-Holiday-Song oder gibt den Gospel-Prediger, mit verkehrter Schwanengrazie auch den Ballett-Parodisten. Was für ein Spötter und doch grandioser Tänzer!

Und was für ein Fuchs: Sein Dauerreden wird irgendwann zur Musik für seinen Tanz. Und die flirrende, flatternde Bewegung zum ironischen Kommentar. Woher er den Atem nimmt - man weiß es nicht. Mit jeder Minute peitscht er sich mehr in seine Ekstase, das Englische mit dem Deutschen vermischend, verhunzend. Immer so fort bis an die Grenze, wo Wahnsinn und Vernunft sich umarmen.

Charnock: ein weiser Narr, dem Publikum knallharte Wahrheiten an den Kopf werfend oder spendabel bunte Bonbons verstreuend aus einer Plastiktüte, die er sich dann als Suizid-Instrument über den Kopf zieht. Charnock - ein postmoderner "Clown Gottes", ein Marathon-Conférencier, ein Kabarettist als Amokläufer der Kunst, im jagenden Rhythmus von Wort und Geste den Zuschauer mit sich reißend, zwischen sanftem Erschrecken und befreiendem Lachen.

Mehr Choreographen auf Spracherkundungs-Trips bis 11. August, hoffentlich genau so sinnlich.

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