Clown und Grübler

- Die Tanzwerkstatt Europa (TWE) verspricht heuer, so heiß zu werden wie dieser Sommer: Walter Heuns zeitgenössisches Festival könnte mit seinem Programm beweisen, dass München, trotz aller Unkenrufe, doch noch Aussichten auf den Titel "Tanzstadt" hat.

Kein spielfreier Tag, auch keine Wiederholungsvorstellungen wie in den Jahren zuvor: Vom 2. bis 11. August kann man im i-camp und in der Muffathalle zehn Choreographen/ Gruppen erleben mit jeweils ganz verschiedenen Konzepten und Handschriften. Und in der Tanztendenz und den Räumen des Staatsballetts werden die Workshops die Tanzlust-Temperaturen zum Sieden bringen.

Heun hatte schon befürchtet, dass bei allgemein zugehaltenem Portemonnaie die Technik- und Stilkurse weniger gut gebucht würden. Das Gegenteil ist der Fall. Ganz offensichtlich überlegt sich der deutsche "Zwangssparer", wo und in was er seine Euros investieren will. Bewegung und Tanz scheinen eine gute "Anlage", spätestens seit Royston Maldooms auch Laien animierenden Großprojekten ("Rhythm is it!"). Und Heun ergänzt: "Auch der in die Schulen hineinreichende ,Tanzplan Deutschland’ der Bundeskulturstiftung hat eine Dynamik in die Szene gebracht."

Dynamisiert werden könnte bei dieser TWE auch der eingefleischte Tanzmuffel. Denn Heuns Gäste drehen keine Pirouetten im Elfenbeinturm. Nigel Charnock, der hier bestens bekannte Brit-Showclown und Allrounder, die Deutsche Christina Ciupke und der Brasilianer Rodolpho Leoni untersuchen, wie Sprache und Bewegung sich in wechselseitiger Beeinflussung zum sehr spezifischen Kommunikationsmedium hochschaukeln. Um Kommunikation geht es auch Jérôme Bel: Der sonst immer so schräg cartesianische Grübel-Choreograph aus Frankreich tanzt einen interkulturellen Dialog mit dem Thailänder Pichet Klunchun, der am Tag darauf solo mit dem traditionellen thailändischen Khon-Maskentanz zu sehen ist. Der Deutsche Thomas Lehmen hinterfragt in seinem "Lehmen lernt" jedermanns gesellschaftspolitisch bedingte Lernprozesse.

Die hier erstmals auftretende Neuseeländerin Simone Aughterlony provoziert das Publikum, sich einzumischen, zu urteilen, "zu Gericht zu sitzen". Die Isländerin Erna Omarsdó´ttir erkundet zwischen Science-Fiction und bereits eingetretener Wirklichkeit das sich entwickelnde Abhängigkeitsverhältnis von Mensch und Maschine - bis zu unserer Mutation zum Cyborg. TWE-Stammgast Pierre Droulers will in seinem "Inoui" mit Lichtverwirrung den Blick in Grenzbereiche des Bewusstseins lenken. Und sein Ex-Tänzer Stefan Dreher wagt sich in einer "Instant Comedy" an das Thema Libido und Verführung.

Nix Motto, dafür Vielfalt, Heuns Devise. Uns bleibt die Qual der Wahl: Vorverkauf bei München Ticket ab 3. Juli.

www.infotanzwerkstatt-europa.net oder Tel. 089/ 72 42 515.

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