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Bis die Cocktailgläser bersten - Christiane Pohle inszenierte Horváths "Zur schönen Aussicht"

München - Wenn`s um Geld geht - Horváth. Selten hat ein Theaterautor so drastisch und berührend dargestellt, was Geld mit den Menschen macht wie dieser Dichter der Goldenen Zwanziger- und düsteren Dreißigerjahre.

Die Abhängigkeit vom Zahlungsmittel und sein Wertverfall, Wirtschaftskrise und Gewinnstreben haben Ödön von Horváths Figuren geprägt, ihre Identität zerstört und ihre Sprache deformiert.

"Bildungsjargon" nennt er die Ausdrucksweise der von ihm dargestellten Kleinbürger, die sich vom Dialekt entfremdet haben, um sich per Floskeln und Gemeinplätzen vermeintlich einer wohlhabenderen Schicht anzunähern. Bei Figuren wie Zuschauern ist daher die berühmte "Demaskierung des Bewusstseins" mit all seinen niederen Beweggründen Horváths Ziel. Besonders schön zeigt sein 1927 entstandenes Stück "Zur schönen Aussicht", wie dieses Bewusstsein von Besitzdenken und Gewaltfantasien beherrscht wird. Christiane Pohle hat mit ihrer Inszenierung für die Münchner Kammerspiele aus der Komödie die bitterböse Farce herausgeschält, mit der sie zeigt, wie Haben und Sein, Nicht-Haben und Vergehen, wie Schulden machen und schuldig werden zusammenhängen.

Das Hotel "Zur schönen Aussicht" erinnert auf Maria- Alice Bahras Bühne schwer an die Münchner "Schumann's"-Bar. Zwar hängen knapp unter der hohen Decke ein paar Tapetenfetzen weg, die imposante Flaschengalerie darunter ist jedoch lückenlos gefüllt. Zwar lässt sich auf der linken Seitenbühne die Leere des angrenzenden Lagers nicht mehr verbergen. Aber der noble Bar-Raum mit Nussbaumtischen und Lederbänken ist noch intakt. Er beweist: Selbst in erhebender Wohlstandskulisse hausen die Menschen wie die Ratten, wenn ihre Moral nur ausreichend heruntergekommen ist.

Strasser, vormals Autoverschieber und nun verarmter Hotelier, Kellner Max, Chauffeur Karl und ihre Zuhälterin, die Freifrau von Stetten, huren und saufen wie die Löcher. Und sie krakeelen, wenn's ihnen gerade passt, dass schier die Cocktailgläser bersten. Wer also die Gewalttätigkeit in Horváths zynischen Sätzen noch nicht bemerkt haben sollte, hier bekommt er sie eingebläut.

Doch in Bild und Ton treibt Pohle der "Schönen Aussicht" aus, was sich bei Horváth-Inszenierungen gerne durch den Lieferanteneingang einschleicht: den nostalgischen Schmäh und das kuschelige Gefühl, Unglück lasse sich durch Angepasstheit vermeiden. Stattdessen rollt Pohle der Perfidie und der Niedertracht den roten Teppich aus, damit sie sich so richtig schön von allen Seiten präsentieren können.

Gegen "Dummheit und Lüge" schrieb Horváth erklärtermaßen an. Seine Männerriege ist die perfekte Verkörperung der Lüge. Auch die Freifrau von Stetten, von Gundi Ellert als auf dem Tresen entlangrobbende, sich unter den Tisch saufende Vettel gespielt, zählt sich dazu, hätte sie doch nach eigener Auskunft ein Junge werden sollen. Ihnen gegenüber steht Christine als die personifizierte Dummheit. Von einem wie Strasser, der ihr ein Kind gemacht und keinen ihrer Briefe beantwortet hat, erwartet sie Liebe und Treue.

Während Jochen Nochs schmieriger Sektvertreter noch sein Geld eintreiben will, Stefan Merki als Freiherr von Stetten seine Schwester virtuos wegen Spielschulden anpumpt und Thomas Schmausers alerter Strasser deren Scheinchen anbetet, erscheint Christine: elfengleich zu Geigenmusik. Aber Strasser mit seinem schlechten Gewissen und der Angst vor Alimenten sieht in ihr nicht den rettenden, sondern den Racheengel. Lena Lauzemis in ihren gelben Strumpfhosen und dem niedlichen Mäntelchen steht einfach nur da. Und als ahne sie schon durch ihre Traumhülle hindurch, was ihr blüht, zieht sie sogleich den Gürtel enger.

Für einen Moment ist Strasser durch sie derjenige, der er sein könnte: ihr zärtlicher Geliebter, der sich auf ihre entwaffnende Naivität einlässt. Aber damit würde er ja sein geschäftstüchtiges Gesicht verlieren. Die Hetzjagd, in der Christine dann der Prostitution bezichtigt wird, grenzt hier an die Vergewaltigung: Mit den Füßen stoßen die Männer der am Boden Liegenden die Beine auseinander, ziehen ihr die Strumpfhose herunter, um nach dem verräterischen Muttermal zu suchen, das alle zu kennen vorgeben.

Die Gewalttätigkeit und Verachtung in ihrer Sprache: Hier hat sie ihr Objekt, ihr Opfer gefunden. Christine muss erst übersetzen lernen, um sich ihnen erklären zu können: "Was verstehst du unter ,lieber Gott?", fragt Strasser. "10 000 Mark", sagt Christine, die eine Erbschaft gemacht hat und gar keine Alimente kassieren will.

Dass es einmal nicht um's Geld geht, sondern um das reine, unvernünftige Gefühl, das versteht hier keiner mehr. Wie Maria Magdalena wäscht und trocknet Christine mit ihrem Haar die von ihren Socken befreiten Füße der Männer, während diese über ihr armseliges Frauenbild schwadronieren. Sünderin kann man auch durch Dummheit werden, soll das wohl heißen. Trauriges Fazit einer Geschichte, für die Pohle große, starke, laute Bilder gefunden hat, um ihre Absurdität in der allgemeinen, absurden Reizüberflutung wahrnehmbar zu machen.

Weitere Vorstellungen:

8., 12., 20.4. (089/ 233 966 00).

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