Cocktailparty bei Saladin

- "Es wird nichts weniger als ein satirisches Stück, um den Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen. Es wird ein so rührendes Stück, als ich nur immer gemacht habe", schrieb Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) an seinen Bruder über "Nathan der Weise", den er verfasste als Antwort auf die gegen ihn gerichteten, schweren klerikalen Anfechtungen und das daraus erfolgte Publikationsverbot. Wo bewegt sich Elmar Goerdens Neuinszenierung dieses dramatischen Gedichts in fünf Aufzügen am Münchner Residenztheater?

<P>Nichts Weihevolles, Märchenonkelhaftes oder bedrückend Mahnendes. Keine Bombenstimmung, sondern am Ende Fete im Penthouse des Sultans über den Dächern von Jerusalem. Cocktailparty bei Saladin. Da fließt der Schampus; fürs Familienalbum wird fotografiert; man tanzt; Nathan hängt an Dajas Busen; selbst der Patriarch ist auf ein, zwei Gläschen eben mal schnell vorbeigekommen; und der Klosterbruder macht den Entertainer.<BR><BR>Auf Normalmaß angelegt</P><P>Man trennt sich nur schwer von dem eigenen Nathan-Bild, das vermutlich fast jeder Zuschauer über 30 in sich trägt. Denn Lessings "Nathan" ist das Stück, das in relativ kurzen Abständen wohl die meisten Neuinszenierungen erfährt; in München allein in den letzten Jahren fünf. Und das nicht nur, weil das Thema seine Aktualität nie eingebüßt hat. Sondern auch, weil die Rolle des Nathan auf der Wunschliste manch älteren Schauspielers ganz oben steht. Die besondere Schwierigkeit für Regisseur und Hauptdarsteller liegt nun darin, den Zuschauern alle anderen ,Nathane aus den Köpfen zu fegen.<BR><BR>Elmar Goerden und Rudolf Wessely haben dazu einen mutigen, interessanten Weg eingeschlagen. Die Geschichte spielt in der Gegenwart. Eine große Schiebetüren-Wand stellt mit Hilfe grellbunter Lichtwechsel die jeweiligen Räume her. Zu Beginn ist es eine Ecke der Flughafen-Halle - mit Monitor und Lautsprecheransagen. Und wenn die Rede von Nathans Kamelen ist, darf sich Daja, Rechas christliche Gesellschafterin und eindeutig auch Nathans Liebschaft, schon mal ein ironisches Extemporé´ leisten. Beim Sultan dann ein Fernseher, über den Banales flimmert. Und in Nathans Haus gibt's auf dem Bildschirm nur Börse. Ab und zu ist in Jerusalem die Explosion einer Bombe zu hören, was niemanden zu stören scheint. Denn die größte Rolle spielt hier das Geld. Wer genug davon hat, kann Toleranz sich leisten. Und Nathan hat mehr als genug davon.<BR><BR>Rudolf Wessely gibt diesen Nathan als einen umtriebigen, quirligen, gehetzten Geschäftsmann, mit den Armen fuchtelnd, mit der Brieftasche winkend. Ein Mann, der nie Zeit hat, ein Mann, der Krisen meistert, ein Mann für alle Fälle. Ein unsentimentaler Pragmatiker. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein Schauspieler ohne die Würde und geheimnisvolle Aura, die berühmte Nathan-Darsteller dieser Rolle zu verleihen wussten. Wesselys Jude ist auf Normalmaß angelegt.<BR><BR>Größe stellt sich bei ihm nur einmal ein: wenn er zum ersten Mal in seinem Leben erzählt, wie er drei Tage, nachdem die Christen seine Frau und sieben Söhne verbrannt hatten, das winzige, elternlose Christenmädchen Recha an Kindes statt angenommen hat. Diese Szene gelingt Wessely in Konzentration und Strenge. Für einen Augenblick gestattet er sich Gefühl, fällt auf die Knie, ist zornig, entschlossen, demütig. Dann atmet er mehrmals tief durch, froh, erleichtert, wie befreit von der Last der Erinnerung. Und wieselt geschäftig weiter über die Bühne.<BR><BR>Ob "Nathan" nun als Satire, Rührstück, Toleranzkomödie oder hehres Hohelied inszeniert wird: Über die Wirkung bei jungen Zuschauern - und die sollte es in erster Linie ja erreichen - entscheidet allein das junge Paar, Tempelherr und Recha. Sie gestatten, sich in ihnen zu spiegeln, sich zu erkennen, sich zu identifizieren. Kein Münchner Tempelherr der letzten Jahre war so gut wie es jetzt Christian Nickel ist. Ein Fallschirmspringer, den Gurt noch um den Körper geschnallt, den Fallschirm selbst, die weiße Seide, in einer Plastiktüte verstaut.</P><P>Das Kreuz des Tempelherrn trägt er als Tätowierung am Unterarm. Ein abgerissener, müder, durstender und hungernder junger Mann mit verweinten Augen, der im Flughafen den Aschenbecher nach Kippen durchsucht. Der stolz, trotzig, hitzig, auch komisch ist und zögerlich beseelt, wenn er sich klar wird: "Des Mädchens Bild ist längst in meiner Seele." Ein erwartungsvoll Liebender, der vor Recha seinen Fallschirm wie ein Bettlaken auswirft, so dass es einem geradezu leid tut um das Mädchen, dem dieser Liebhaber entgeht, weil er sein Bruder ist. Christian Nickel befindet sich mit seinem Tempelherrn künstlerisch auf jener Höhe, die vom Staatsschauspiel erwartet werden darf, die aber in dieser Aufführung sonst eher selten erreicht wird.<BR><BR>Sonderbar introvertiert und fremd erscheint Nathans Tochter in dem Spiel von Marina Galic. Selbstbewusst und geheimnisvoll im ersten, vom Regisseur allein gelassen im zweiten Teil, wenn die Angst um den Verlust des Vaters sie zu Saladins und Sittahs Füßen wirft. Oliver Nägele gibt als Sultan den Schwadroneur und Komiker und befindet sich darin in guter Gesellschaft mit Barbara Melzl als kabarettistisch aufgepeppter, Popo reckender Kleiderstange Daja sowie mit Rainer Bock als joggendem Patriarchen. </P><P>Wie Katja Uffelmann, die die Sittah sein soll, ans Residenztheater gekommen ist, wird sich nach dieser Premiere hoffentlich auch der Intendant fragen. Ansonsten kann sich dieses Haus wie stets verlassen auf das altbewährte Duo Peter Herzog, der ein kämpferischer Derwisch ist, und den hinreißenden, immer zarter und wahrhaftiger werdenden Helmut Stange, der als Klosterbruder vom Putzmann bis zum Schnulzensänger in die verschiedensten Gestalten schlüpft.<BR><BR>Insgesamt eine Aufführung der Widersprüche, bis zur Pause in wunderbar leichter Schwebe gehalten. Dann aber ist Goerden offenbar die Puste ausgegangen. Da wird auf der Bühne nicht nur geschwoft, da wird auch geschwatzt. Weder Hohngelächter, noch Satire und schon gar kein Rührstück. Am Ende einfach ziemlich albern. Im letzten Moment scheitert Goerden an Lessing.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare