Gespräch mit einer Legende bei Nuss-Eis: Coco Schumann (li.) und Merkur-Redakteur Stefan Sessler. Foto: BSe-pictures.de, Trikont

Der Ghetto-Swinger machte in der Hölle Musik

München - Coco Schumann überlebte den Holocaust und wurde nach dem Krieg zur Jazzlegende. Diese Woche tritt er zweimal in München auf.

Es ist Krieg, die SS macht eine Razzia in der Rosita-Bar in Berlin, wo gerade eine Swing-Sause steigt. Eine Party im Angesicht der Bomben und des Todes. Die Nazi-Häscher suchen nach Deserteuren, nach Juden, nach Untergetauchten. Einer der SS-Männer geht vor zur Bühne. Dorthin, wo der junge Coco Schumann steht, dieser ewige Vollblut-Musiker. Coco Schumann reitet irgendein Teufel, er pflaumt die Nazi-Streife vor versammelter Mannschaft an. „Eigentlich müssten Sie mich verhaften!“, sagt er. Der SS-Mann fragt: Warum das denn? Antwort: „Na, ich bin Jude und minderjährig. Zudem der Swing.“

Jungstar: Coco war der erste Deutsche mit E-Gitarre.

Der SS-Mann bricht zusammen – vor Lachen. Er hält es für einen Witz. Aber es ist keiner. Schumann ist „Halbjude“, den gelben Stern trägt er in der Jackentasche. Seine freche Berliner Schnauze hätte ihm das Leben kosten können. Nacht für Nacht steht der Musiker auf der Bühne, es ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Er endet 1943. Schumann wird verhaftet. Er kommt nach Theresienstadt ins Ghetto, später nach Auschwitz. Er überlebt, irgendwie. Er überlebt, weil er seine Musik spielt. Zur Belustigung der KZ-Wächter. Er wird ein „Ghetto-Swinger“, einer, der Tag für Tag um sein Leben spielt. In seiner bewegenden Autobiografie schreibt er später: „Der Mensch ist eine merkwürdige Erfindung. Unberechenbar und gnadenlos. Die Bilder, die ich in jenen Tagen sah, waren nicht auszuhalten, und doch hielten wir sie aus. Wir machten in der Hölle Musik.“

Heute ist Coco Schumann 89 Jahre alt. Die Musik hat ihn ein Leben lang nicht losgelassen. Gerade ist er auf Kur in Bad Kohlgrub im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, seit 40 Jahren kommt der Berliner schon hierher, genießt Moorbäder und Anwendungen. Natürlich hat er seine Gitarre dabei. Auch heute hat er schon geübt. „Man muss seine Finger geschmeidig halten“, sagt er. „Denn je älter ich werde, desto steifer werden die Knochen.“

An diesem Donnerstag und Freitag tritt er im Münchner Jazzclub Unterfahrt auf. Es ist eine einmalige Gelegenheit, diesen Jahrhundert-Musiker nochmals live in Bayern zu sehen. Coco Schumann war nach dem Krieg der erste Deutsche, der auf einer elektrisch verstärkten Gitarre spielte – ein Spezl hat sie aus alten Wehrmachtskopfhörern zusammengebastelt. „Wahnsinn, wie das geklungen hat“, erzählt er. Der Sound dieser Gitarre macht ihn auf der Stelle süchtig. Schumann wird zu einem der begehrtesten Jazz-Gitarristen der Republik. Später, als der Jazz-Hype abflaute, hat er auf Kreuzfahrtschiffen gespielt. Er ist mit seiner Frau nach Australien ausgewandert, aber bald wieder zurückgekehrt. „Von Rio bis Odessa“, sagt er, „kenn’ ich jeden Hafen.“ Coco Schumann blieb stets ein bodenständiger Gitarrist, der sein Instrument nach allen Regeln der Kunst beherrschte. Er hatte nie Star-Allüren oder Berührungsängste. „Die Spinner, die sagen, sie machen nur diese eine Sache, diese eine Sorte von Musik, die können oft nicht mehr“, sagt er. Schumann kann alles – und macht alles: Er tritt im Heinz-Erhardt-Film „Ein Witwer mit fünf Töchtern“ auf, er spielt Rock’n’Roll und geht mit Roberto Blanco auf Tour.

Coco Schumann sagte mal: „Wer den Swing in sich hat, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren.“ Swing macht lebendig, lebensfroh, tolerant. Und er lässt einen auf lässige Art und Weise altern. Der wunderbare Coco ist der beste Beweis.

Stefan Sessler

Konzert in München:

Das Coco Schumann Quartett spielt am 4. und 5. Juli im Jazzclub Unterfahrt jeweils 21 Uhr; Karten unter www.unterfahrt.de.

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