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Coconami über den Dächern von München: Die Japaner Nami (r.) und Miyaji leben seit vielen Jahren in Bayern. Ihre Band dürfte weltweit einzigartig sein – sie singen englische, bayerische und japanische Lieder, begleitet von der Ukule

Neues Album

Coconami – eine bayerisch-japanische Band startet durch

München - Coconami: Das sind zwei Japaner in München. Zwei Japaner, die englische und bayerische Lieder singen. Ihre Musik ist schwerelos, waghalsig und ein bisserl windschief.

München - Die Geschichte von Coconami, dieser herrlich schrulligen bayerisch-japanischen Band, beginnt in einem winzigen japanischen Restaurant in München. Der uneingeschränkt zu empfehlenden J-Bar. Es gibt hier so tolle Dinge wie Shabu-Shabu, Salat mit Seetang, gegrillten Aal und Oktopus-Bällchen. Aber manchmal, ist schon ein paar Jahre her, war in der J-Bar an manchen Tagen nix los. Schlimm? Nö. Auch in einem leeren Restaurant kann man sehr viel Spaß haben, vor allem, wenn man Sake im Blut und Sonne im Herzen hat. „Jetzt singen wir Karaoke“ hat der Chef dann zur Belegschaft gesagt, wenn die Kundschaft ausblieb. Eine Riesengaudi. Und irgendwie auch die Startrampe für eine Band, die die Welt noch nicht gesehen hat. Aber dazu kommen wir gleich.

„Ich habe damals in der J-Bar gejobbt“, erzählt Nami, eine Japanerin, die seit über zehn Jahren in München lebt, während sie in einem Café am Isartor sitzt und einen Cappuccino trinkt. Nami ist Musiktherapeutin und der eine Teil von Coconami. Der andere Teil sitzt neben ihr – und heißt Miyaji, ein japanischer Ingenieur, der vor 16 Jahren nach München kam, um Bäcker zu lernen. Gerade haben die beiden ihre dritte Platte veröffentlicht. 15 schwerelose, fremdartige und gleichzeitig vertraute Songs auf Englisch, Italienisch, Bairisch und Japanisch, die einen augenblicklich in ein Paralleluniversum schießen, in dem die Welt eine sanfte Oase des Glücks ist. Ein Paralleluniversum, in dem überall Hängematten rumstehen, in denen sich Seele und Körper bei sanften Coconami-Klängen gleichermaßen erholen können. Möglicherweise wird auch noch unentwegt Sushi und Weißbier serviert, aber das ist nicht sicher. Bayerisch-japanische Paralleluniversen sind unfassbare Gebilde. So wie Träume.

Die neue Platte von Coconami heißt „San“, was „Drei“ auf Japanisch bedeutet, aber natürlich auch ein bisserl Bairisch ist. Mia san Coconami. Mia san mia. Mia san dermaßen multikulturell – das passt auf keine Kuhhaut.

Coconami schweben anscheinend mühelos durch den kunterbunten Kosmos der Popmusik. Sie spielen „Azzuro“, „Blue Moon“, „Ghost Riders in the Sky“ genauso wie „Sommer in der Stadt“ von der Spider Murphy Gang. Sie coconamisieren Songs, die man schon 1000 und ein Mal gehört hat, und geben ihnen einen neuen, irgendwie schwerelosen Sound. Das Markenzeichen dieses waghalsigen bayerisch-japanischen Musikwunders: die Ukulele. Und Namis elfenhafter Gesang.

Die New York Times hat die Band vor Jahren schon in höchsten Tönen gelobt. „The Ukulele is back“, hat sie geschrieben. Die Ukulele ist zurück – und das unterm weiß-blauen Himmel. Verrückt. Das ist sie, die wunderbare Macht der Globalisierung: Japanisch-münchnerische Populärmusik made in Bavaria. Coconami sind längst mehr als ein Geheimtipp. Ab Juli spielen sie sich kreuz und quer durch den Freistaat. Auch in Berlin wollen sie auftreten.

„Wir machen Musik, die auch uns gut tut“, sagt Nami. Das merkt man. „Aber“, sagt Miyaji, „unsere Musik bringt nicht so viel Geld.“ Will sie auch nicht, dafür ist sie zu abseitig. Coconami ist eine Liebelei, die von Herzen kommt. Dennoch: Die Ukulelen-Japaner sind eine Erfolgsgeschichte, wenn auch schwer zu erklären. Eine waschechte Rarität.

Aber bis es so weit war, mussten einige Zufälle passieren. Namis einigermaßen Karaoke-süchtiger Chef aus der J-Bar hatte eines Tages eine Idee: eine CD mit amerikanischen Weihnachtsliedern, „White Christmas“ und so. Eingesungen von den Mitarbeitern der J-Bar. Es sollte ein Geschenk für Stammgäste werden. Doch es wurde mehr – nämlich so was wie die Geburtsstunde von Coconami. Auch Miyaji half bei der CD mit, er kannte die Leute aus dem Restaurant, weil er immer mal wieder zum Essen kam.

Auf verschlungenen Pfaden landete die CD, auf der auch Nami mitgesungen hat, bei der Giesinger Plattenfirma Trikont, die auf schräge Vögel spezialisiert ist. Auch Hans Söllner ist hier unter Vertrag. Dort in Giesing waren sie auf der Stelle coconamisiert. Sprich: begeistert.

So fing alles an. Die Geschichte von Nami und Miyaji, die übrigens kein Paar sind, erzählt auch viel über eine Stadt wie München. Auch hier, das glauben viele ja nicht vor lauter Maximilianstraße und Bussibussi, gibt es eine gegen den Strich gebürstete Subkultur, in der genügend Platz für zwei gestrandete Japaner und ihre Ukulelen ist.

Eigentlich wollte Miyaji nur für ein paar Monate in München bleiben, lernen, wie man Brezn und Kümmelbrot backt und wieder heim nach Japan, um dort einen Campingplatz zu eröffnen. Das Camping-Projekt ist im Sande verlaufen. Und Miyaji ist noch immer hier. München ist Heimat geworden.

Doch am Anfang gab es auch Rückschläge und so manchen Kulturschock. In Japan, erzählt Miyaji, wiegen die schwersten Mehlsäcke 25 Kilo. In Deutschland 50. „Die konnte ich nicht tragen“, sagt er und muss lachen. Die ersten Tagen in der Bäckerei in München-Neuhausen waren eine nie zuvor erlebte Schufterei. Klar, beide mussten erst lernen, wie dieses Bayern tickt. Das muss jeder, der hier herkommt. Es ist ein eigenwilliges Land mit eigenwilligen Sitten und Bräuchen, Stichworte Masskrug, Trachtengaufest, Grant, Ludwig II., CSU. Aber von Japan nach München ist nochmal ein besonderes Experiment.

Inzwischen wird Nami, die nahezu akzentfrei Deutsch spricht, manchmal gefragt, ob sie hier geboren sei. Ist sie natürlich nicht: Sie ist in der Nähe von Fukushima aufgewachsen, später studierte sie in Tokio klassischen Gesang. Dann erst ging’s für Nami, deren Namen wunderbarerweise „schöne Rapsblume“ bedeutet, nach Deutschland.

Das Land hat sie ziemlich geprägt. Das glaubt zumindest die japanische Verwandtschaft. Bei ihren Heimatbesuchen bekommt sie jedes Mal den gleichen Satz zu hören: „Du bist ganz schön verdeutscht.“

Der Grund? Nami redet offenherzig und direkt. Sie sagt auch mal „Nein“, wenn ihr was nicht passt. In Japan ist das verpönt. Weil es das Gegenüber vor den Kopf stoßen könnte. Andere Länder, ganz andere Sitten.

Nach seinem Abstecher in die Welt der bayerischen Brote hat Miyaji im Restaurant „Nomiya“ in Haidhausen in der Küche gearbeitet. Das Lokal wird der „bayerische Japaner“ genannt, weil man hier genauso gut Sushi und Miso-Suppe wie Rostbratwürstl und Spanferkel essen kann. Ein einmaliger Mix in München, wahrscheinlich sogar weltweit. Der Wirt des „Nomiya“ heißt Ferdl Schuster – und ist ein Vorzeige-Bayer mit Filzhut, mächtigem Schnauzbart und Trachtenjanker, der vor vielen Jahren seine Liebe zu Japan entdeckt hat.

Inzwischen, das macht den einzigartigen Coconami-Kosmos erst komplett, ist Ferdl Schuster Gastmusiker der Band. Immer wieder begleitet er die beiden Japaner bei ihren Auftritten – und singt auf schönstem Bairisch. Die drei standen sogar schon in New York gemeinsam auf der Bühne. Und auch auf Japan-Tour waren sie. Der Bayer war jedes Mal der Star des Abends – vor allem die japanischen Frauen wollten unbedingt ein Autogramm von ihm. Liebe, wem Liebe gebührt.

Der zweite Dauer-Helfer der Band ist Ken, ein Japaner, mit dem Nami und Miyaji befreundet sind. Auf der neuen Platte singt er das schöne Lied „Dicke Bäckerfrau“. Eigentlich ist Ken Computer-Spezialist, aber momentan arbeitet er als Schuster. Bei Coconami ist nichts, wie es gehört, alles ist ein bisschen windschief. Aber irgendwie doch harmonisch. Scheinbar federleicht.

Miyaji sitzt noch immer beim Café, nebenan rattert die Tram vorbei, man versteht sein eigenes Wort kaum, aber der Musiker lässt sich von nichts erschüttern. Als ob es das Normalste auf der Welt ist, erzählt er, wie das mit dem Konzert in New York zusammen mit dem Schuster Ferdl gelaufen ist. „Der Ferdl hatte bald Geburtstag“, sagt Miyaji. „Da habe ich ihn gefragt, ob er seinen Geburtstag in New York feiern will.“ Und zwar auf einer Bühne, als Vorgruppe der „Moonlighters“, einer der Lieblingsband von Ferdl Schuster. Der Wirt hat „Ja“ gesagt, Miyaji hat ein paar E-Mails geschrieben und ein paar Tage später standen sie in Amerika auf einer Bühne. Ois easy. Man darf nur keine Angst haben, man muss nur machen. Haidhausen, Tokio, New York. Die Welt ist nur so groß, wie man sie macht. Gute Lebenseinstellung.

Die beiden trinken ihren Cappuccino aus. Nami winkt zum Abschied und radelt in Richtung Isar. Auch Miyaji muss los. Er muss seinen Sohn Otto im Waldkindergarten abholen. Man schaut ihnen nach und denkt: Was für eine coole Stadt, die solche Menschen beherbergt.

Stefan Sessler

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