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Wie ein Chris-Martin-Soloalbum fühlt sich diese CD teilweise an – nur fünf der 16 Songs haben ein voll ausdefiniertes Band-Arrangement.

Zwitschern und fluchen

Coldplay: Mit neuen Album „Everyday Life“ verlässt die Band ihre Sackgasse

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In Zeiten von Streamingdiensten wie Spotify ist Aufmerksamkeit im Pop die wichtigste Währung. Andauernd lauert die Gefahr, dass der wankelmütige Konsument ein Lied wegklickt, wenn sich nicht gleich was rührt.

Längst gibt es wissenschaftliche Studien darüber, dass Songs immer schneller „zur Sache“ kommen – bestes Beispiel: „Happy“ von Pharrell Williams. Der Gesang setzt nach zwei Sekunden ein, der Refrain nach 25 Sekunden. Zack, peng, weiter geht’s.

Die Band Coldplay hatte die Maxime gut verinnerlicht. Sie trimmte ihre ohnehin eingängige Rockmusik auf Alben wie „Mylo Xyloto“ und „A Head full of Dreams“ zu stromlinienförmigem Elektropop, lud sich die schillernden Diven Rihanna und Beyoncé als Gastsängerinnen ein. Aber irgendwie scheinen Chris Martin und seine Mitstreiter sich dabei nicht mehr wohlgefühlt zu haben – ihr achtes Album „Everyday Life“ bricht mit so ziemlich jedem Vermarktungsgesetz unserer Zeit. Die gute Nachricht: So kommen sie heraus aus ihrer künstlerischen Sackgasse.

Akustische Wärmflaschen, die Fans an der Band so lieben

Natürlich geht es bei Coldplay nicht ohne patentierte, glatte Breitwandhymnen. „Orphans“ ist so eine. Im Text geht es um das Schicksal von Flüchtlingen – mit einem Refrain, der wie gemacht ist für die Stadien, die ganz große Überwältigung. „Church“ oder „Champions of the World“ sind die akustischen Wärmflaschen, die Fans an der Band so lieben. Aber sonst? Los geht’s mit zweieinhalb Minuten reinem Streichorchester. „Sunset“ heißt das gefühlige Stückerl, das als Hinführung relativ wenig für das Album tut – aber als Statement doch wichtig ist. Kein Zack, peng. Noch nicht mal eine Band hört man hier.

Überhaupt hat man mitunter das Gefühl, man wohne einem Chris-Martin-Soloalbum bei. Nur fünf der 16 Songs dieses als Doppelalbum konzipierten Reigens haben ein voll ausdefiniertes Band-Arrangement. Der Rest wirkt wie leicht hingeworfene Skizzen. Es wäre kein Wunder, wenn sie Martin und sein Murmeln zur Westerngitarre in „WOTW/POTW“ mit dem Smartphone aufgenommen hätten. Im Hintergrund zwitschern die Vögel.

Als wollten sich Coldplay aus einem Korsett befreien

Stilistisch greift die Band dagegen in die Vollen. Bei „Daddy“ erlebt man Martin zum Klavier, so still und ergreifend wie selten. „BrokEN“ ein Gospel mit Fingerschnippen. „When I need a Friend“ könnte man in der Christmette während der Kollekte spielen. „Guns“ dagegen rockt munter drauflos – aber eben auch nur mit einer akustischen Gitarre. Es wirkt tatsächlich, als wollten sich Coldplay aus einem Korsett befreien. Schon die Veröffentlichung von „Everyday Life“ glich einer versteckten Inszenierung: Die Band verschickte Briefe an überraschte Fans, in denen sie als wollten sich Coldplay aus einem Korsett befreien. Schon di das Album ankündigte. Die Songtexte von 15 neuen Liedern gab man der neuseeländischen Lokalzeitung „Otago Daily Times“ und deren 43 000 Abonnenten vor ein paar Tagen exklusiv.

Das ist sympathisch und könnte auch Fans versöhnen, die den jüngsten Pop-Kurs ablehnten. Der Song „Arabesque“ zeigt die Band so vital wie nie. Er stammt aus einer Zeit, in der Produzenten-Legende Brian Eno für zwei Wochen Chris Martin von der Band suspendierte. Die anderen Coldplay-Musiker sollten sich ohne ihren Frontmann finden. Übrig blieben jede Menge Jams, darunter der Grundbeat für „Arabesque“ und ein eingängiges Gitarrenriff. Eine französische Strophe steuerte das belgische Multitalent Stromae bei. Die Bläser-Arrangements übernahmen Sohn und Enkel von Fela Kuti – und sollten nur eine Handvoll Coldplay-Fans deshalb diese Afro-Funk-Legende kennenlernen, hätte sich das Unternehmen schon gelohnt.

So besonders machen das Album auch die Nebengeräusche – Martins Tonaufnahmen aus der ganzen Welt. Er schneide so ziemlich alles per Smartphone mit, verriet er der BBC. „Wenn jemand singt oder tanzt, nehme ich das einfach auf.“ Auf „Everyday Life“ finden sich Schnipsel aus Buenos Aires, Paris, Italien und vielen anderen Ecken der Welt. Eine Garantie, dass die Spotify-User bei der Stange bleiben, ist das freilich nicht. Martin scheint’s wurscht zu sein. „Es ist mir egal, wenn jemand nicht mag, was wir machen. Unsere Haltung ist jetzt: Fuck it, mach’ dir keine Gedanken darüber.“

Apropos „Fuck it“: Erstmals flucht der Sänger auf einem Coldplay-Album ganz kräftig. Bisher seien ihm solche Stellen von der Band immer rausgestrichen worden, behauptet Martin – „so funktionieren wir.“ Bei „Everyday Life“ sei das anders: „Es ist das erste Album, auf dem unser Drummer mir das erlaubt hat.“

Coldplay: „Everyday Life“

(Parlophone).

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