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Reizüberflutet: Coldplay-Sänger Chris Martin in der Berliner „O2-World“.

Coldplay treiben’s bunt - und begeistern Berlin

München - Coldplay zu Gast in Berlin: Am Mittwochabend feuerte die Popband in der ausverkauften "O2-Worl" schon vom ersten Song an aus vollen Rohren. Und mitten in dem bunten Durcheinander taumelt Chris Martin über die Bühne.

Früher, da haben Coldplay noch bis gegen Ende des Konzerts gewartet, bis sie Luftballons auf das Publikum regnen ließen, bis die Konfettikanone zündete. An diesem Mittwochabend in der ausverkauften Berliner „O2-World“ aber feuert die Popband aus London schon vom ersten Song an aus vollen Rohren.

Kaum haben die Mannen um Chris Martin die Bühne geentert und der Sänger die ersten Kadenzen von „Hurts Like Heaven“ am Piano angespielt, blinkt die knapp 15.000 Menschen fassende Halle wie ein Lampenladen – die Band hat am Eingang Armbänder verteilen lassen, die nun per Funk in allen Farben leuchten. Beim zweiten Song „Yellow“ fliegen die besagten mannshohen Ballons von der Decke, beim dritten („In My Place“) schüttet es Papierfitzelchen. Und mitten in dem bunten Durcheinander tollt und taumelt Chris Martin über die Bühne, als wäre er selbst von der Reizüberflutung ganz besoffen. Grenzenloser Kindergeburtstag.

Draußen, wenige Meter entfernt von der „O2-World“, auf der Oberbaumbrücke zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, hat ein Unbekannter „Hartz-IV-World“ an die Mauer gesprüht. Der Ernst des Lebens – natürlich gehört er nicht unbedingt in ein Popkonzert. Aber die mit neonbunten Graffiti-Slogans („Heavy“ oder „I won’t show or feel any pain“) übersäte Bühne wirkt im Vergleich schon ein bisschen pubertär.

Das kümmert keinen der begeisterten Fans und die Band tut alles, um die Party in Gang zu halten. „Eins, zwei, hupfa, hupfa“, skandiert Martin. Es ist ja auch Weihnachten – „unsere letzte Show heuer“, ruft der Sänger. Am 12. September 2012 spielen Coldplay in München (an Silvester, schätzen die Veranstalter, könnte das Olympiastadion schon ausverkauft sein). Im alten Jahr wollen sie noch mal die Sau rauslassen, und das Publikum feiert die Hymnen und singt die leidenschaftlichen „Ooohs“ und „Uuuhs“ des jugendlichen Tenors aus vollem Herzen mit.

Hinterm Schlagzeug haben sie eine Steilkurve aufgebaut, auf der Martin sich austoben kann, von der Bühne ragt zudem ein knapp 50 Meter langer Steg in die Halle, auf dem er permanent herumhüpft, bisweilen begleitet von Gitarrist Jonny Buckland. Man ist schon froh, wenn die Band und ihr hyperaktiver Sänger ab und zu auch mal runtergehen vom Gas. Und sei’s, um gegen Ende „I’m Dreaming Of A White Christmas“ zu spielen. Chris Martin allein am Graffiti-Klavier. So ein alter Heuler – und doch der bewegendste Moment dieses Abends.

Von Johannes Löhr

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