Collage im Zeichen des Krieges

- Den Vitrinenschlüssel verlegt? Oder klemmt die Glastür? Für Siegmund, in Liebe entflammter Überraschungsgast bei Hundings, kein Problem. Zig Vorgänger-Recken waren offenbar gescheitert, als sie Schwert Nothung aus dem Schränkchen fingern wollten - der Mann im Schwarzledermantel erledigt das mit spontanem Schwung des Küchenstuhls: Ideen muss der Held halt haben.Nichts leichter als das, ungewollte Komik aus David Aldens Inszenierung herauszupicken, auch Unfertiges, nicht Hinterfragtes.

<P>Denn Münchens neue "Walküre", in kurzer Vorbereitungsphase gezimmert und als Handlung im Zeichen des (Welt-)Krieges inklusive Leichenberge gezeigt, bietet Angriffsflächen, wobei die Vorgeschichte teilweise entschuldigt. Wir erinnern uns: Nach dem Tod Herbert Wernickes, dem nur "Das Rheingold" vergönnt war, sprang Hans-Peter Lehmann für eine Festspiel-"Walküre" in die Bresche, die Bayerns Staatsoper nach sechs Abenden einstampfte. Alden folgte mit "Siegfried" und "Götterdämmerung", seine "Walküre" beschloss nun das Prestige-Projekt "Ring".<BR><BR>Brünnhilde als Spielmacherin</P><P>Der Amerikaner bleibt sich treu. Aus respektablem Ideenschatz, von Kino- und Bildender Kunst gespeist, montiert er seine Szenen-Sequenz. Und liefert so einen Gegenentwurf zu Kollegen, die Wagners Mythos als unausweichlichen Werdegang im gleich bleibenden Ambiente erzählen. Selten lässt Alden Kontinuitäten erahnen. Durch Chiffren (die Stuka, der brennende Flammenmann) - und durch Charakterzeichnungen. </P><P>Etwa im Falle Wotans, der uns zu Beginn als lüsterner Gott begegnet, einer heißen Szene mit Fricka nicht abgeneigt, die von der großartigen Marjana Lipovsek zwischen sinnenfreudigem Ekelpaket und Business-Domina angesiedelt wird. Schon bald jedoch dämmert Wotan hängeschultrig und mit Whisky-Glas der Zukunft entgegen. Sein Speer bleibt machtlose Behauptung, als Landstreicher wird er im "Siegfried" wiederkehren.<BR><BR>Oder der Fall Brünnhilde: Ihr weist Alden eine Spielmacher-Funktion zu, was in der "Götterdämmerung", wenn sie als tippende Chronistin auftaucht, fortgesponnen wird. Die "Hojotohos" darf Gabriele Schnaut, die ungeahnte Entertainer-Qualitäten entfaltet, à` la "Cabaret" vertänzeln. Und im dritten Akt ist es gar Brünnhilde, die vom Vater Abschied nimmt (nicht umgekehrt) - bevor sie, auf einem Schreibtisch gebettet, von Begleiter "Grane" weggerollt wird. Inzest-Erotik, sonst dem Wälsungenpaar vorbehalten (von Peter Seiffert und Waltraud Meier gewohnt intensiv gespielt), gestattet Alden auch Brünnhilde, die Siegmund samt Götterpapa bezirzt.<BR><BR>Als visuell denkender Regisseur weiß Alden natürlich um Bildwirkungen, mit denen er Mangelhaftes übertünchen kann. Durch den "Walkürenritt" mit den im Takt tippenden und stempelnden Heroinen; am stärksten in der "Todesverkündigung", die Alden und Ausstatter Gideon Davey als pessimistische Walhall-Vision vorführen; mit abgewrackten Helden in Ledersesseln, hinter denen - eine berührende Wernicke-Reminiszenz - Bayreuths Zuschauerraum als ferne Verheißung lockt. Wie überhaupt Alden, das zeigen auch die anderen "Ring"-Teile, Traumhaftes, Irrationales eher glückt, als Szenen, die er als Pseudo-Realität (erster "Walküre"-Akt mit Blümchentapete und Kühlschrank) vorführt. Bald driftet Derartiges ins Unlogische, Langatmige. Am Ende bleibt der Eindruck einer Reihung szenischer Versprechen: Ideen, die interessieren, auf deren Ausarbeitung Alden indes verzichtet.<BR><BR>Dass die Staatsoper in der "Walküre" auf ein kaum zu übertreffendes Ensemble baut, zeigte sich wieder in der Neuauflage. Gabriele Schnaut, hier mal nicht trompetende Sopran-Säule, sang die Brünnhilde wesentlich differenzierter, entfernte sich damit von früheren, dezibelsatten Stereotypen, überzeugte stimmlich und darstellerisch durch Agilität. John Tomlinson, noch immer kraftvoller Muster-Wotan, waren gegen Schluss die Anstrengungen der letzten Wochen anzuhören. </P><P>Waltraud Meier verließ sich als hocherotische Sieglinde nicht nur auf ihr bronzenes Edel-Timbre, wirkte eine Spur befreiter als in der Lehmann-Version: La Wagnerissima behält die Pole-Position - vorausgesetzt, man hört bei manch knapper Intonation einfach weg. Peter Seifferts "Wälse"-Rufe waren ein Fall für die Stoppuhr. Doch wer den Siegmund so nuancenreich und textgenau singt, wer die Monologe mit derart liedhafter Präsenz formt, der darf sich Effektvolles erlauben, vokales Erz ist dafür mittlerweile vorhanden.<BR><BR>Heftiges Buh fürs Regieteam, ungeteilter Jubel für die Solisten, Orkane dann, als Zubin Mehta samt Staatsorchester auf der Bühne erschien. Schon die Juli-"Walküre" nahm gefangen durchs geschmeidige, luxuriöse, mit üppigen Entladungen wuchernde Klangbild, dem der GMD nun weitere Dimensionen hinzufügte: das enorm Expressive, Offensive, fast Brutale. Eine knisternde Interpretation, die sich auszeichnete durch Vielschichtigkeit, durch das geschmackvoll austarierte Instrumentengeflecht, in dem man oft Überraschendes (etwa die Holzbläser-Dialoge im dritten Akt) entdeckte.<BR><BR>Mehtas womöglich beste Münchner Premiere bildete daher einen spürbaren Gegensatz zur Szene. Denn Aldens flockige Collagen, das zeigen seine drei "Ring"-Taten, mögen punktuell Reize entfalten. Stringent und zwingend sind sie weniger, eher beliebig und austauschbar. Aber dann wäre Lehmanns "Walküre" im Münchner "Ring" ja gar kein Fremdkörper gewesen . . .<BR></P>

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