Das Comeback der Vandalen

- Nein, die Windmühlen, gegen die die Menschheit angeblich kämpft, sind nicht das Problem in Bayern. Das Problem in Bayern sind die Menschen. Ja, Menschen gibt es hier, die hat's doch früher nicht gegeben, "jedenfalls nicht bei uns".

Und wenn so der ganze Frust herausgelassen wird: Wenn sich der große Polt als Konservator des Amtes für Denkmalschutz maßlos aufregt über die Vandalen von heute; wenn er sich fragt, wo die eigentlich zwischen Völkerwanderung, in der sie untergegangen sein sollen, und jetzt, da sie ihr Comeback haben, gewesen sind; wenn er von dem Mitsubishi-Aussteller im Schloss Nymphenburg berichtet, der seinen Kaugummi ins Antlitz von König Ludwig klebt; wenn er sich darüber empört, wie im Rokoko-Juwel Cuvilliéstheater -­ vom Freistaat wiederum vermietet an Mitsubishi -­ ein Schauspieler in der Königsloge "herumuriniert"; und wenn er damit zugleich einen heroischen Hieb aufs "moderne" Regietheater tätigt -­ dann ist das alles so dramatisch komisch wie auf komische Art dramatisch.

Auf seiner neuen CD macht Gerhard Polt einmal mehr die zwei Seelen in seiner Brust zum himmelschreienden Thema. Und die Konservator-Nummer ist ein so glänzender, die ganze bayerische Gesellschaft ergreifender Rundumschlag -­ vom zugereisten, die Weißwurst grillenden "Siemensler" bis zu jenem Urbewohner Bayerns, der Gott dankt, nicht in Mecklenburg-Vorpommern zur Welt gekommen zu sein -­, dass dieser 20-Minüter allein schon die CD zum Hit für den Gabentisch werden lässt. Passend zur Jahreszeit erzählt Polt auch gleich noch die absurde Geschichte vom "Schönsten Weihnachtserlebnis": von den Zinnsoldaten, mit denen der aus dem Zweiten Weltkrieg heimkehrende Vater die Erste-Weltkriegs-Schlacht von Verdun nachspielen will. Denn diesmal sollen die Deutschen siegen ."Eine menschliche Sau" ­ so der Titel dieser aktuellen Bestseller Polts, der hier in der Anarchie und Radikalität seines Denkens auf dem Gipfel der Wahrheit tanzt.

Gerhard Polt: "Eine menschliche Sau". Kein\Aber Records.

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