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Leonaert Bramers Zeichnung zu dem Schelmenroman „Lazarillo de Tormes“: Hier eine Szene mit dem „Helden“ Lazarillo, der als Einsiedler verehrt wird.

Ausstellung

Wer den Comic erfunden hat

München - „Bettler – Diebe – Unterwelt“ in der Pinakothek der Moderne: Leonaert Bramer illustrierte freche spanische Romane.

Erwischen hätte man ihn nicht dürfen: So frech, wie Leonaert Bramer (1596-1674) zeichnete, hätte er sich um Kopf und Kragen gebracht. Privatissimo illustrierte er Literatur für ausgewählte Einzelkunden. Eine Ausstellung? Im 17. Jahrhundert undenkbar! Jetzt sind die Blätter erstmals öffentlich in den Räumen der Staatlichen Graphischen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen. „Bettler – Diebe – Unterwelt“: Das Thema  allein  klingt schon vielversprechend.  Der Stil setzt dabei noch eins oben drauf: Jetzt weiß man endlich, wer den Comic sozusagen erfunden hat.

Heute mag man anderes als die gebildeten Spitzfindigkeiten, dezenten Blasphemien und Dreistigkeiten eines Bramer gewohnt sein. Doch schon dieses Einzelblatt fasziniert unglaublich: Leicht bekleidete Damen mit quellendem Ausschnitt und ihre Kavaliere laden ein zu einer gewagten Aussicht. Mitten in der Grafik fordert ein echtes Loch den Neugierigen zum Nähertreten auf. Auf was es wohl einst den Blick freigegeben hat? Sicher war das nicht das Frontbild einer der braven, perspektivischen Architektur-Guckkästen…. Bramer verstand sich perfekt auf die Kunst der Andeutung, ohne je derb zu werden. Er hatte genug Abnehmer für seine sinnlichen, sozial- und kirchenkritischen Kabinettstückchen, um sich davon ein stattliches Leben leisten zu können. Sein Selbstporträt zeigt einen selbstsicher-spöttischen Mann von Welt.

Zehn Jahre vor Rembrandt in Delft geboren, machte er sich mit 19 Jahren auf die große Bildungsreise und blieb in Rom hängen. Nicht nur die Kunst von Adam Elsheimer und den Caravaggisten haben es ihm dort angetan, sondern auch die Festgelage der niederländischen Szene. 1628 war er im Zuge dessen in eine Messerstecherei verwickelt: vermutlich der Grund, warum er zurück nach Delft ging. Dort machte er sich rasant einen Namen als Alleskönner mit faszinierenden Beleuchtungen auf Gemälden, Fresken, Radierungen, mit biblischen, historischen, mythologischen und allegorischen Motiven. Seine Spezialität aber waren Zeichnungen, sein Alleinstellungsmerkmal die Illustrationen wenig beachteter Stoffe.

Heute ist „Lazarillo de Tormes“ ein Stück spanischer Nationalliteratur. Bei der ersten Veröffentlichung 1554 war dieser allererste Schelmenroman, der vom kleinen, armen Manne ausging, ein Skandal. Der arme Lazarillo kämpft sich darin von Job zu Job, von Elend zu Elend, von Gaunerei zu Gaunerei inmitten einer Gesellschaft, die sich um Gewalt, Fressen, Saufen und Huren dreht und deren beste Vertreter die Pfaffen sind. Als antiklerikal verboten, verbreitete sich das Stück trotzdem oder genau deswegen in Windeseile in ganz Europa. Bramer brachte 1646 die Schlüsselszenen in 72 Zeichnungen zu Papier: radikal wie ein Comic, intelligent psychologisierend wie heute eine Graphic Novel, rasant wie ein Daumenkino.

Gegenpol zum „Lazarillo“ ist Francisco Gomez de Quevedos’ Hochliteratur „Los Sueños“ von 1627: In diesen „Träumen“ – oder wohl eher Albträumen – wird die Verderbtheit der Welt und aller ihrer Stände angeprangert. Bramer macht 1659 daraus einen vielschichtigen Thriller mit antikisierenden und modernen Anklängen. Wer wollte, der verstand auch seine motivischen Querverweise: die heuchlerischen Witwen als Weinende am Kreuz, der Tod des pseudofrommen Einsiedlers mit dem Doppelleben als Grablegung Christi… Der Illustrator stand hier der Vorlage in nichts nach.

Das Gleiche gilt auch für die Macher der Ausstellung (Kurator: Achim Riether): Für alle, die sich mit den Hintergründen beschäftigen wollen, bündelt die Einführung in Schlaglichtern wichtiges Wissen. Für alle anderen ist die Rhythmik der Schau ein Sog hinein in die schmissige Handschrift Bramers und in die Bildergeschichten der gesellschaftlichen Abgründe.

Von Freia Oliv

Bis 9. März, täglich außer Mo. ab 10 Uhr, Barer Straße 40; Telefon 089/ 23 80 53 60; zwei Kataloge: 34,90 und 16,90 Euro.

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