Commissario Brunetti und die Geheimnisse des Gerichtsdieners

München - Einen neuen Brunetti-Roman von Donna Leon (Jahrgang 1942) zu lesen, ist wie Heimkommen: natürlich ein besonders nobles, schließlich kehren die Leser nach Venedig zurück. Die Serenissima ist auch der Schauplatz des 19. Falls von Commissario Brunetti, obwohl er versucht, nach Südtirol zu flüchten.

Es ist August in der Lagunenstadt, und alles dampft in der schwülen Hitze. Selbst dem gepflegtesten italienischen Signore kleben da Hemd und Sommersakko auf der Haut. Dennoch kommt Brunetti in dem Krimi „Auf Treu und Glauben“ nur bis Bozen - und das super-kurz.

Gerade mit dem Zug dort in den Bahnhof eingelaufen, springt er in den, der ihn nach Venedig zurückbringt: Ein Toter wurde aufgefunden. Und dem so widerlichen wie unfähigen Tenente Scarpa will Guido Brunetti den Fall nicht überlassen. Prompt hat der schon sehr viele Fehler bei der allerersten Untersuchung gemacht. Im Eingangsbereich des Wohn-Palazzos wurde der unscheinbare Gerichtsdiener Fontana ermordet aufgefunden; der Schädel an einer Steinskulptur eingeschlagen. Brunetti und Freund-Kollege Vianello - per Schiff vom kroatischen Strand herbeigeeilt -, wetzen erst einmal die Scharten aus, die Scarpa geschlagen hat. Dann tasten sie sich in mühsamer polizeilicher Sammel- und Puzzle-Arbeit vor in ein Gewirr von Gut und Böse. Denn Araldo Fontana wird von vielen als grundehrliche Haut, als zutiefst anständiger Kerl gelobt. Aber er ist unabweisbar in die Machenschaften der Richterin Coltellini verstrickt. Sie verschleppt offenbar Prozesse systematisch über Jahre, um eine Partei zu bevorzugen. Und das geht nur mit Hilfe des obersten Gerichtsdieners, der die Akten verwaltet und archiviert.

Donna Leon übt schon seit Jahren verstärkt politische Kritik, beharkt wütend das Berlusconi-System, das Italien mit seiner Fäulnis überzieht. Nun gibt es ein paar kräftige Watschen für die Gerichtsbarkeit. Eine weitere Standardgröße sind kaltherzige Mitglieder der Oberschicht, aber auch Seelen gefährdende Eltern. Diesmal ist die Mutter von Fontana so ein monströses Schaustück. Sie sitzt wie eine reglose Spinne im Netz, in einer viel zu noblen Palazzo-Wohnung, und hat ihren Sohn ausgesaugt. Seltsamerweise ist diese Wohnung äußerst billig an den Gerichtsdiener vermietet worden. Seltsam ist auch das Verhalten der anderen Mieter in dem Haus...

Sehr gut und besonders überzeugend arbeitet Donna Leon dieses Mal das Detektivische heraus. Brunetti, Vianello und die unverzichtbare, Computer-gestählte Signorina Elettra legen wie Archäologen Schicht für Schicht die letztlich tödlichen Verbindungen frei. Trotz all der Gier - ob Sex, ob Geld - spielt die Liebe eine große Rolle. Gespiegelt wird das durch eine Nebenhandlung, die Vianello einbringt. Seine eigentlich lebenstüchtige Tante lässt sich von einem Scharlatan ausnehmen. Die Familie macht sich umso mehr Sorgen, als dieser Kerl durch ganz Italien eine Betrugs-Spur hinter sich herzieht. Indem Brunetti diesem nicht-offiziellen Fall nachgeht, begegnet er noch einem traurigen Liebes-Irrsinn.

Danach aber reist der Commissario schleunigst nach Mals zur Familie, wo man nicht in der Hitze zerschmilzt - stattdessen kann man dort durchaus einen wärmenden Marillenbrand vertragen.

Simone Dattenberger

Donna Leon: „Auf Treu und Glauben. Commissario Brunettis neunzehnter Fall“. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich, 316 Seiten; 21,90 Euro.

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