„Common Grounds“ in der Villa Stuck

Bilder aufbrechen

München - In der Ausstellung „Common Grounds“ zeigt die Villa Stuck Werke junger Künstler aus dem Nahen Osten

„Grounding“ bezeichnet ein Konzept der Kommunikationswissenschaft, das darauf beruht, dass es in einem Dialog ein gemeinsames Wissen gibt. Das heißt, die Sprecher gehen davon aus, dass ihre Gesprächspartner über einen ähnlichen historischen, kulturellen oder gesellschaftspolitischen Erfahrungsschatz verfügen wie sie selbst. Diese Annahme liegt der Ausstellung „Common Grounds“ zugrunde, die ab heute in der Villa Stuck zu sehen ist. Das Wissen, das die westliche Allgemeinheit über den Nahen und Mittleren Osten und die Golfregion hat, so Kuratorin Verena Hein, wird vor allem von Bildern geprägt. Glitzernde Metropolen auf der einen, staubige Konfliktregionen auf der anderen Seite: Diese „manipulative Ästhetik“ der Bilder soll in der Ausstellung hinterfragt werden.

Zwölf Künstler aus acht Ländern haben sich dieses Hinterfragen und die Veränderung des kollektiven Bildergedächtnisses zur Aufgabe gemacht: Da sind zum Beispiel Joana Hadjithomas und Khalil Joreige, die sich mit der Zerstörung Beiruts im libanesischen Bürgerkrieg auseinandergesetzt haben. Sie haben Bilder bewahrt, die der libanesische Fotograf Abdalah Farrah 1968 als Postkarten veröffentlicht hat: Fotos vom strahlenden „Paris des Nahen Ostens“, wie Beirut früher bezeichnet wurde. Nach Ausbruch des Krieges bearbeitete Farrah seine Fotos, zerstörte sie in Einzelschritten und passte sie so dem realen Geschehen an – das unversehrte Beirut hatte mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun.

Alle Künstler, die in „Common Grounds“ vertreten sind, wurden zwischen 1962 und 1984 geboren, sie stammen zum Beispiel aus Ägypten, Saudi-Arabien oder Israel, politische Veränderungen und Migration gehören zu ihren Biografien. Über mediale Grenzen hinweg schaffen sie einen neuen, gemeinsamen Verständigungsraum: Mit Bildern, Skulpturen, Videos, Fotos versuchen sie, die Bilder und Muster, die sich im allgemeinen Diskurs manifestiert haben, aufzubrechen. Dabei spielt der öffentliche Raum eine große Rolle: Der saudische Künstler Ahmed Mater beispielsweise beschäftigt sich mit der Veränderung der Stadt Mekka: In kleinen Geräten, die als Andenken gekauft werden können, klickt der Kunde sich durch Dias von Mekka. Mater zeigt in drei Bilderserien Abzüge dieser Dias zwischen 1950 und 2000; und nicht nur die Qualität der Aufnahmen verändert sich, auch die Inhalte: Stehen in den alten Dias vor allem die Menschen im Vordergrund, ist auf den neueren eher die Architektur im Fokus. Maters Fotos in der Serie „The Desert of Pharan“ zeigen wiederum beides: den Blick auf die Heilige Moschee durch die Hoteltürme des Clock Tower Hotels, aber auch die Struktur der Menschenmasse auf Pilgerfahrt.

Immer wieder werden in „Common Grounds“ aktuelle Themen aufgegriffen. So hat sich die marrokanisch-französische Künstlerin Bouchra Khalili von acht Flüchtlingen von deren Reisen berichten lassen und diese gefährlichen Strecken dann verdichtet zu einzelnen Stationen, verbunden nur durch gepunktete Verbindungslinien auf tiefblauem Hintergrund. Der Betrachter fühlt sich an Sternenkarten erinnert, ebenso aber an die bekannte Route über das Mittelmeer, das wiederholt zum Schauplatz menschlicher Katastrophen wurde.

Der in Teheran geborene Abbas Akhavan beschäftigt sich hingegen mit den Folgen des Irakkriegs, genauer: mit dessen Auswirkungen auf die Natur. Er hat Pflanzenarten, die zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris wachsen, vergrößert in Bronze nachgießen lassen und auf weißen Tüchern auf dem Boden ausgebreitet. Die Pflanzen sind nicht zuletzt durch den Krieg vom Aussterben bedroht. Die Installation wirkt wie die Ausstellung von Fundstücken am Rande einer Ausgrabungsstätte – durch die Farbe der Bronze und die Aufreihung auf den Laken aber auch ein wenig wie die verkohlten Überreste einer Schlacht.

Johanna Popp

Bis 17. Mai

Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60; Di-So 11-18 Uhr; 089/ 45 55 51 0

Begleitprogramm u.a. im Filmmuseum München, Literaturhaus München, Kulturzentrum Schwere Reiter und in der Galerie PLATFORM.

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