"Conrat Meit -­ Bildhauer der Renaissance": Phänomenaler Könner

- CONRAT MEIT VON WORMS -­ in antikisierenden Lettern hat der Renaissance-Bildhauer seinen Namen in die flache, dennoch gesimsartig verzierte Sockelplatte aus Alabaster graviert und leicht eingefärbt. Auf ihr steht eine nackte junge Frau mit fast mädchenhaftem Schmelz: so unschuldig wie erotisch, so harmlos wie selbstsicher. Diese knapp 30 Zentimeter hohe "Judith mit dem Haupt des Holofernes" ist eines der Glanzstücke des Bayerischen Nationalmuseums in München und Glanzstück der Ausstellung, die den zu Unrecht kaum bekannten Conrat Meit umfassend vorstellt.

"G‘standne" Frauen

Das chronisch unterfinanzierte Haus wollte dem herausragenden Künstler längst schon huldigen, konnte das aber erst mit Hilfe der Ernst-von-Siemens-Stiftung leisten. Begleitender Glücksfall: Jens Ludwig Burk hatte sich in seiner Doktorarbeit tief ins Werk Meits eingearbeitet und konnte auf die Schnelle ein Präsentationskonzept entwickeln. Zweiter Glücksfall: Fast alle der erhaltenen Werke wurden nach München ausgeliehen, egal ob vom Getty Museum in Los Angeles oder vom Pariser Louvre. Man bekam sogar, was wohl nie mehr geschehen wird, Putten vom Grabmal der Margarete von Bourbon aus dem Grabkloster von Brou (nördlich von Lyon). Und dritter Glücksfall: Ein neuer "Meit" wurde entdeckt. Die phänomenal\x0f lebensechte, farbig gefasste Porträtbüste von Jakob Fugger dem Reichen kaufte die Siemens-Stiftung und stellte sie dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Dass man eine ganz besondere Ausstellung betritt, wird dem Besucher schon durch die äußerst gelungene optische Inszenierung der Schau klar. Ein weißer Pfad, im Saal diagonal angeordnete weiße Leucht-Elemente und stelenartige Vitrinen zelebrieren jede einzelne Kleinplastik sorgfältig und hingebungsvoll. Dadurch wird bestens sichtbar, welch ein Können Conrat Meit in Bronze, Buchsbaum oder Alabaster legte. Aber auch der Humor kommt nicht zu kurz. Denn den Hinteransichten widmete sich der Bildhauer ebenfalls mit Eifer, sodass man wahrhaft eine Formation von reizenden Popo-Backen abschreiten kann. Und selbst die kämpferische Judith ist voll Ironie aufgefasst. Mit versonnenem Blick schaut sie auf Holofernes‘ Kopf, den sie an einem dicken Haarbüschel hält und gerade auf einen eleganten Sockel absetzt: quasi als Porträtbüste der blutigen Art.

Conrat Meit, 1470 oder ‘85 geboren, ist kunsthistorisch erst in Wittenberg wahrzunehmen als Mitglied der Werkstatt von Cranach d. Ä. Meits große Doppelmadonna (beidseitige Ansicht) mit 40 Engeln ist wohl in der Reformation vernichtet worden. Seine Hochzeit hatte er in Mecheln am Hofe von Margarete von Österreich (1480- 1530), Tochter Kaiser Maximilians I., Regentin der Niederlande und überaus engagierte Kunstsammlerin. Für sie, ihren letzten Ehemann und dessen Mutter arbeitete er auch an dem schon erwähnten Grabmal in Brou. Nur diese Werke blieben erhalten; alle anderen Großplastiken sind bis auf eine liebenswürdig Madonna mit Kind (für ein anderes Grab) zerstört. 1550/51 starb Meit in Antwerpen, wo er seit 1534 lebte.

Die Schau schildert mit Vergleichsstücken ­ Statuetten, Grafiken, Gemälden ­, wie Meit sich von der Antike inspirieren ließ, von Dürers "Adam und Eva" oder von dem Porträtbüsten-Typus florentinischer Prägung (scharfer, gerader Abschluss an der oberen Brust). Seine Akte regten wiederum andere an, etwa Rubens zu einer dynamischen Rücken-Ansicht. Bewundernswert und unnachahmlich ist freilich Conrat Meits feine, unaufdringliche Psychologie. So klein die Porträtbüste der Margarete (1518) sein mag, so unfassbar genau sind ihre Knubbelnase, die vollen, leicht geöffneten Lippen und die etwas vorquellenden Augen modelliert. Und trotzdem gibt er der Herrscherin insgesamt einen mädchenhaften Charme mit.

Solch eine Lebhaftigkeit und Selbstgewissheit verlieh er auch "seinen" anderen Frauen, ob Eva, der allegorischen "Tapferkeit" oder eben Judith. Conrat Meit liebte "g‘standne" Weiber ­ in Wesen und Gestalt: runde Hüften, kleine Brüste, zarte Kuschelhaut und lustbetonte Bäuchlein.

Bis 18.3., 089/ 21 12 42 16, Katalog: im Museum 34,50 Euro, sonst 39,90 Euro.

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