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Martin Moszkowicz

Moszkowicz: "Fatal für den Filmstandort Bayern"

München - Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz übt im Interview mit dem Münchner Merkur harsche Kritik an der Arbeit der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film.

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Martin Moszkowicz, Jahrgang 1958, ist bei der Constantin Film Vorstand für den Bereich Kino und Fernsehen. Er betreut heuer auch die Verfilmung von Natascha Kampuschs Buch „3096 Tage“. Das ist eines der letzten Projekte des langjährigen Constantin-Chefs Bernd Eichinger, der vor einem Jahr überraschend in Los Angeles starb. Wir sprachen mit Moszkowicz nicht nur über diesen Film, sondern auch über die Ausbildung des deutschen Filmnachwuchses. Der Produzent hatte zuletzt die Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) heftig kritisiert.

Hängt bei Ihnen daheim nach Ihrer Kritik an der HFF der Haussegen schief? Ihre Lebensgefährtin Doris Dörrie leitet ja den Drehbuch-Studiengang an der HFF...

Wir trennen zuhause – so weit es eben geht – berufliche und private Angelegenheiten. Ich habe also keine Informationen am Küchentisch erhalten. Ich habe mich aus drei Gründen mit der Filmhochschule beschäftigt: Als große Produktionsgesellschaft in München sind wir sehr an der Ausbildung des Nachwuchses für unsere Branche interessiert – und an der Frage, wie der Austausch zwischen der Hochschule und der hier ansässigen Film- und Fernsehindustrie ist. Der zweite Grund ist, dass ich im vergangenen Jahr seitens der bayerischen Politik oft gefragt wurde, ob sich die Constantin nicht mehr in die Hochschule einbringen könnte. Drittens wurde ich 2011 gebeten, eine Funktion an der Hochschule zu übernehmen. Das hat leider nicht geklappt – obwohl ich es gerne gemacht hätte. Aber in diesem Zusammenhang habe ich mich mit der HFF beschäftigt, habe Gespräche mit einstigen und aktuellen Studenten geführt. Es hat sich gezeigt: Nicht alles glänzt so wie der Neubau.

Sie werfen der HFF vor, noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen zu sein.

Im wichtigen Studiengang „Kino- und Fernsehfilm“ steht noch immer ein Bild des Filmemachers im Mittelpunkt der Lehre, das es heute so gar nicht mehr gibt: der Autorenfilmer der Siebzigerjahre. Ich habe nichts gegen moderne Autorenfilme – im Endeffekt sind das praktisch alle Produktionen. Aber heute ist der Herstellungsprozess eines Films – und im Fernsehen ist das noch extremer – sehr stark von Teamarbeit geprägt. Dieser Fokus fehlt an der HFF völlig. Ein wesentlicher Kritikpunkt, den ich von den Studenten gehört habe, ist, dass die interdisziplinäre Arbeit zwischen den Studiengängen nur sehr schlecht funktioniert. Das gilt auch für den Austausch zwischen Hochschule und der Film- und Fernsehbranche. Außerdem ist doch klar, dass junge Regisseure die Gesetze und den Mechanismus des Marktes kennen müssen. Es bringt doch nichts, wenn die Ausbildung im geschützten Raum stattfindet – doch sobald die Absolventen diesen verlassen, wissen sie nicht, was mit ihnen geschieht.

Könnte nicht die Branche auf die HFF zugehen?

Das versuchen wir ja. Es gab etwa 2011 eine entsprechende Initiative vom Bayerischen Rundfunk, das Talent Forum, die leider komplett eingeschlafen ist. Ziel dieser Initiative war es sicherzustellen, dass Filmhochschüler nach ihrer Ausbildung in Bayern und München auch Arbeitsmöglichkeiten finden. Wir haben Konzepte erarbeitet, wie die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Industrie verbessert werden könnte. Denn es ist sinnlos, hier Studenten auszubilden und dann zuzuschauen, wie sie in andere Bundesländer abwandern und dort Steuern zahlen. Das ist auf Dauer auch für den Filmstandort Bayern fatal.

Ist die technische Ausbildung an der HFF auf der Höhe der Zeit?

Leider kommt die VFX-Technik (Abk. für „visual effects“, visuelle Effekte; Anm. d. Red.) im Lehrplan praktisch nicht vor. Dabei ist das heute bei Kino- und Fernsehproduktionen absolut wichtig. Ein VFX-Studiengang würde sich also gerade für das Hightech-Land Bayern und die neue Nähe zur TU München anbieten. Wir brauchen solche Leute und holen sie – etwa für unsere aktuelle Produktion „Tarzan 3D“ – aus England, Australien und Russland – oder aus Ludwigsburg. Die Filmhochschule Ludwigsburg ist beispielhaft bei der intensiven Verzahnung mit der Film- und Fernsehindustrie und steht im Ranking weit vor der HFF: Viele Roland-Emmerich-Filme – selbst in Hollywood – werden bis heute maßgeblich von einem Ludwigsburger VFX-Team betreut.

Viele deutsche Oscar-Gewinner haben doch an der HFF studiert!

Stimmt. Aber, erstens, ist der letzte Oscar auch schon ein paar Jahre her. Und, zweitens, darf man sich nicht darauf ausruhen. Mir geht es jetzt aber mehr um die Zukunft als um die Betrachtung der Vergangenheit.

Ein Gedankenspiel: Was muss ein HFF-Absolvent, der sich bei Ihnen bewirbt, mitbringen?

Leidenschaft und Neugier. Er muss in einem Team arbeiten können. Und er muss in der Lage sein, Anregungen und Strömungen aufzunehmen und zu erkennen. Es ist fatal, wenn Leute aus der Hochschule kommen und schon zu wissen glauben, wie Filmemachen funktioniert. Wer bei uns arbeitet, muss in der Lage sein, sich in einen teamorientierten, kreativen Prozess einzubringen. Von diesen Leuten gibt es nicht genug.

Was heißt „Strömungen erkennen“?

Wenn ein Regisseur einen Film angeht, dann muss er mir vermitteln können, dass er weiß, wo sein Publikum ist. Ein Film und seine Zuschauer gehören zusammen. Kino wird nur dann fortbestehen, wenn die Gemeinschaft zwischen Filmemacher und Publikum nicht aufgegeben wird. Natürlich gibt es auch Überlegungen, aus Film ein praktisch voll subventioniertes Kunstwerk à la Theater zu machen. Das ist aber nicht das Kino, das ich mir vorstelle. Ich erwarte von einem Bewerber aber noch anderes...

Was?

Den Drang, nicht mittelmäßig sein zu wollen. Ich beobachte bei Absolventen, aber auch allgemein in der Filmbranche, dass viele versuchen, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Ich glaube, dass das amerikanische Prinzip „aim high“, also Ziele hoch zu setzen, für uns überlebenswichtig ist. Wenn wir nicht mehr versuchen, außergewöhnliche Filme zu machen, dann wird bald kein Unterschied mehr zwischen einem Fernsehfilm und einem Kinofilm zu sehen sein – und dann verliert das Kino an Attraktivität. Das Benzin, mit dem unsere Branche fährt, ist zunächst einmal Leidenschaft und dann Profitabilität – das zweite aber gibt es nicht ohne ersteres.

Der kreative Hunger geht im Studium verloren?

Jeder kritische Filmhochschulleiter wird bestätigen, dass der kreativere Nachwuchs zum großen Teil längst von den Kunsthochschulen kommt. Dort gibt es ein unglaubliches Potenzial. Natürlich lernt man auf einer Kunsthochschule nicht unbedingt, wie man eine Geschichte erzählt. Aber es gibt sehr viele Absolventen dieser Hochschulen, die erfolgreich Kino machen.

Die Constantin wurde geprägt von Bernd Eichinger, der vor einem Jahr gestorben ist. Auch er hat an der HFF studiert...

Bernd hat mir in seinen letzten Lebensjahren häufiger erzählt, dass er sich wahnsinnig gern mehr an der HFF eingebracht hätte. Das war seitens der Hochschule aber nicht gewünscht. Das ist seltsam. Denn schließlich war Bernd Eichinger der Mann, der das deutsche Kino mit einer unglaublichen Energie und Leidenschaft nach vorne gebracht hat.

Sie selbst haben nicht vielleicht doch Interesse, sich in der Ausbildung zu engagieren?

Die Constantin ist eine große Firma – ich bin gut ausgelastet. (Lacht.) Aber ich denke, als Vorstand des größten Film- und Fernsehunternehmens in München sollte es möglich sein, mit der HFF eine öffentliche Debatte über die Ausbildung zu führen. Ich verstehe meine Kritik als positiven Anstoß, die Sache besser zu machen. Das neue Gebäude der HFF ist modern – das sollten auch die Lehrinhalte werden.

Würden Sie einem jungen Menschen raten, sich an der HFF zu bewerben?

(Lacht.) Ich bin Filmproduzent und als solcher Optimist. Es sind einige große Verbesserungen an der HFF notwendig. Wenn ich aber sehen würde, dass die angegangen werden, würde ich einem jungen Menschen zur Bewerbung raten.

Sprechen wir über das nächste große Projekt der Constantin: Unter dem Titel „3096“ wird Sherry Hormann die Geschichte von Natascha Kampusch verfilmen. Gedreht wird in München und Wien. Werden Sie auch in Wolfgang Priklopils Haus, in dem Kampusch 3096 Tage gefangen gehalten wurde, filmen?

Nein. Wir werden in Wien zwar zum Teil an Originalschauplätzen drehen, aber nicht im Haus. Der Keller muss zugeschüttet werden, weil es dafür ja keine Baugenehmigung gab. Die Studioaufnahmen machen wir in München, in der Bavaria.

Wie lösen Sie das dramaturgische Problem, dass der Täter auf keinen Fall Sympathien wecken darf, das Opfer aber durch die Gefangenschaft zur Passivität verdammt ist?

Der Täter hat keinerlei Sympathien. Das ist völlig klar. Wir bemühen uns aber auch, ihn nicht als erratisches Monster zu zeigen. Das war er nämlich nicht. Er war ein Mensch mit unglaublich vielen Komplexen und mit furchtbarer Aggressivität – aber eben nicht zu vergleichen mit einem klassischen Kino-Bösewicht. Er hatte etwas Subtileres, bei unglaublicher Brutalität. Die Idee unseres Films ist, dass es einem Menschen – hier einem jungen Mädchen – gelingen kann, sich aus einer völlig ausweglosen Situation zu befreien. Das ist eine erhebende Geschichte, weil sie zeigt, dass der menschliche Geist und der Wille wahnsinnig viel bewegen kann.

Inwieweit ist Natascha Kampusch eingebunden?

Bernd Eichinger war ja mit ihr bereits intensiv im Gespräch. Das haben wir fortgeführt. Vor allem Sherry Hormann hat mit ihr viele Fragen geklärt, die das Buch von Natascha Kampusch nicht beantwortet. Aber natürlich kommt für jeden Betroffenen irgendwann der Punkt, an dem er loslassen muss.

Wie gehen Sie mit dem Thema „sexuelle Gewalt“ um?

Das ist schwierig. Man kann es natürlich in diesem Film nicht auslassen. Wir nehmen aber keinesfalls eine voyeuristische Perspektive ein. Der wichtigste Punkt ist: Was hat dieses Leid mit dem Charakter gemacht? Wir werden einen Weg finden, der das dem Publikum nahebringt. Doch das Zentrum der Geschichte ist der Überlebenskampf eines jungen Menschen, der ein eigentlich unlösbares Problem kraft seines Willens in den Griff bekommt – eine Geschichte mit positivem Ausgang.

Kommen wir zur Besetzung...

(Lacht.) Wir stehen kurz vor der endgültigen Entscheidung. Die Liste mit den Schauspielernamen ist sehr, sehr kurz.

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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