Copacabana für jeden

- Noch ist nichts zu spüren von Abschiedsstimmung. Im Gegenteil: "Wir, hier!" ist der Beweis, dass es in der lothringer13/halle in München brodelt, dass junge Künstler über die simplen Raumgefüge mit ganz grundsätzlichen Themen spielen können. Die letzte Ausstellung der Kuratoren Margit Rosen und Christian Schoen lenkt zu Zeiten von unsicheren Budgets und befristeten Mietverträgen den Blick auf die Fragen nicht nur der Münchner Nachwuchs-Kunst. Und der lohnt sich.

<P>Das Haus wurde über drei Stockwerke hinweg aufgerissen. Fragmentarisch beleuchtet ragt Benjamin Bergmanns Fahnenmast gen Decke, schneidet sich in die Etagen und imitiert Wind mit einem Seilschlag. Bergmanns zweite Arbeit ist noch brachialer: Im Keller hat er eine Stallung für einen Elektrorasenmäher gebaut. Mit einem gefährlichen Brummen quittiert er Annäherungsversuche an die Kunst. Wesentlich friedfertiger, ja idyllisch ist Martin Wöhrls Umgestaltung des Raumes. Ein hölzernes Höhenlinien-Relief der Copacabana changiert zwischen Träumerei, Sitzmöbel und Skulptur. </P><P>An der Wand entwirft Maya Bringolf ihre fantastische Welt: Mit bunten Glassteinen vernetzt sie Fabelwesen, die frisch den Hieronymus-Bosch-Bildern entsprungen sind. Die Schönheit der Zeichnung und die Szenen vom Gefressenwerden, die alten Anleihen und die moderne Umsetzung sind die Gegenpole der Wandmalerei.</P><P>Kontrastprogramm bei Jürgen Heinert: "Tanz" hat er sarkastisch seine 40 Fliegen betitelt, die sich im Todeskampf auf dem Parkettboden drehen. Ein technischer Trick ermöglicht die Wiederholbarkeit des Schauspiels und somit die Infragestellung des Vorgangs, dessen Anziehungskraft sich der Besucher nicht entziehen kann. Man wird zum Voyeur einer minimalistischen, ebenso absurden wie existenziellen Symphonie.</P><P>Eine literarische Reise- und Beziehungsgeschichte mutiert bei Michael Sailstorfer zu einem sinnträchtigen Vehikel: Er hat einen alten Bus zerlegt, entkernt, neu zusammengenietet und zu einem zwar abgenutzten, aber stabilen Gehäuse mit großer Knautschzone in der Mitte gemacht. Interpretation menschlicher Verhaltensweisen ist auch das Raum teilende Ablagesystem von Wolfgang Stehle: Zeichnungen spannen sich über Bretter und Schubladen und stören die scheinbare Ordnung. </P><P>Alles ist wiederholbar, aber ist die Gesellschaft wirklich berechenbar? Diese Frage wirft genauso Stefan Wischnewski auf: Zunächst erscheinen seine Fotos, installiert zwischen Lamellenzaun und Abdeckplanen, wie standardisierte Schrebergarten-Kolonien. Es sind aber improvisierte Flüchtlingscamps, die hier in Reih und Glied gezwungen werden. Auch Heike Döscher analysiert Architektur und Gesellschaft zwischen Baustelle und Kleinheim: Mitten in der ach so trauten Welt geht ein Mann sturheil im Kreis. Gewollt oder gefangen? Freia Oliv</P><P>Bis 29. Juni, Tel. 089/44 86 961.<BR><BR></P>

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