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Hören sich selbst in der Pause gerne reden – und vergessen dabei zu leben (v. li.): Siegfried (René Dumont), Cordula (Katrin Röver) und Henry (Lukas Turtur).

Premierenkritik

Mit Humor und Hirn: "Kongress der Autodidakten" im Marstall

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München - Corinna von Rad lädt im Marstall des Münchner Residenztheaters zum wahnwitzigen „Kongress der Autodidakten“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Bienchen summ’ herum. Ach, wenn es doch so einfach wäre wie im Kinderlied. „Ei, wir tun dir nichts zuleide, flieg’ nur aus in Wald und Heide.“ Mehr braucht es eigentlich nicht, oder? Doch die Welt ist komplex und der Mensch ein wunderliches Wesen. Sieben solcher Exemplare sind nun im Marstall des Münchner Residenztheaters zu bestaunen, in Corinna von Rads „Kongress der Autodidakten“.

Am Freitag war Premiere ihrer Inszenierung, die eine Stunde und 53 Minuten dauert, wie das Programmheft mit wissenschaftlicher Akribie verzeichnet. In dieser Zeit – seien wir ehrlich, eine Straffung um 23 Minuten hätte den guten Theaterabend noch besser gemacht – trifft Peter Lustigs Kinderwissenssendung „Löwenzahn“ auf Hollywoods Geisterjägerkomödie „Ghostbusters“, beides wiederum auf eine Esoterikmesse und ein wissenschaftliches Oberseminar. All diese Faktoren bringen die sieben Schauspieler engagiert und hochmusikalisch zur Reaktion. „Viel Herrliches nun gibt es zu schauen“, hat Manfred Zapatka zu Beginn aus Platons „Phaidros“ zitiert. Er sollte Recht behalten.

Die Bühne ist ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene

Ralf Käselau hat ein veritables Labor, einen wissenschaftlichen, wenngleich nicht unbedingt TÜV-geprüften Abenteuerspielplatz für Erwachsene in den Marstall gebaut. Hier forscht und lebt (wobei Letzteres nur rudimentär stattfindet) der Entomoakustiker Stefan. Er untersucht klanglich das „Ableben sterbender Bäume“ – um die extrahierten Töne der Borkenkäfer eines Tages als „Gegengift“ in der Tinnitustherapie einsetzen zu können. Klingt abgefahren? Ist aber genau richtig für den Kongress, der in Stefans Experimentierküche abgehalten wird.

Corinna von Rad und ihr Ensemble haben einen vogelwilden und unterhaltsamen Abend entwickelt. Dabei greifen sie auf eigene Texte ebenso zurück wie auf Gedanken des Medienphilosophen Vilém Flusser, des Paläontologen und Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould, des Anthroposophen Rudolf Steiner sowie des Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Und das sind nur einige der Ideengeber. „Abbeißen vom Erkenntnisknödel“ wollen die Figuren und werden auf sich selbst zurückgeworfen. Die Inszenierung vermeidet dabei geschickt, nur eine – oft urkomische – Persiflage auf den Wissenschaftsbetrieb zu sein. Hier trifft vielmehr Humor auf Hirn: Je länger der Abend dauert, desto fassbarer werden die Figuren in ihren tragischen Brüchen.

Lukas Turturs Henry ist ein Fitzcarraldo der Insektenforschung

Denn mag dieser Kongress noch so wahnwitzig sein: Ihr Spezialistentum, ihre Forschung, ihre steilen Thesen sind vor allem Krückstock und Korsett für die Teilnehmer selbst. Das Leben überfordert diese Autodidakten; sie sind verängstigt von dessen Möglichkeiten und zutiefst verunsichert ob der eigenen Endlichkeit. Da müssen dann die Bienen stellvertretend jenes Dasein auskosten, das sie für sich nicht zu gestalten wagen. Stattdessen beobachten sie mit Wollust das Treiben im Schwarm, wie Lukas Turtur als Henry, einem Fitzcarraldo der Insektenforschung, in seinem furiosen Solo zeigt.

Am Ende des Abends haben sie durch ihre selbstverliebten Referate, ihr Gegockel, das sie auch in der Kaffeepause nicht ablegen, ihre Tollpatschigkeit und ihre Verstocktheit im Miteinander eine Urangst des Menschen freigelegt: „Alle sterben einsam“, spricht es der undurchschaubare Jean-Luc von Thomas Gräßle endlich aus und ruft vor seinem spurlosen Verschwinden den anderen noch zu: „Zeit ist knapp und kostbar, nutzen Sie sie, um…“ Der Rest ist dann Schweigen.

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