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Impfgegner und Befürworter in der Kultur: Risse hinterm Vorhang

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Von: Markus Thiel

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Plakat am Berliner Ensemble
Das Berliner Ensemble wirbt weithin sichtbar für eine Corona-Impfung. © Ingo Sawilla

Das Künstler-Netzwerk „Musik in Freiheit“ wendet sich unter anderem gegen eine Corona-Impfung. Der Prozentsatz an Immunisierten in den Kulturinstitutionen ist allerdings auffallend hoch. Risse in den Ensembles gibt es trotzdem.

Seit Wochen geht das nun schon so. Und die Liste der Unterstützer wird immer länger, mittlerweile umfasst sie angeblich mehrere Hundert Namen. Pauschal gesagt sind es Impfgegner, die sich im Netzwerk „Musik in Freiheit“ gefunden haben. Was sie eint: Sie lehnen den „Konformitätsdruck“ ab, mit dem eine Impfung „als pauschal angenommene Grundlage zur Aufhebung der Freiheitseinschränkungen für alle“ wahrgenommen werde – so heißt es im Manifest der Initiative. Und sie fordern den freien Zugang zu Veranstaltungen und kritisieren die 2- beziehungsweise 3G-Regelungen.

„Eine solche Diskussion gibt es eben  drinnen wie draußen“, sagt Michael Wuerges, Sprecher der Bayerischen Staatsoper. Was bedeutet: Auch durch die Kulturensembles zieht sich ein Riss in Sachen Corona-Impfung. Das überrascht insofern, bietet doch eine Immunisierung in den Theatern und Konzertsälen auf beiden Seiten der Rampe letztlich die Voraussetzung, dass Kultur überhaupt stattfinden kann.

Impfgegner im Bayerischen Staatsorchester und bei den Münchner Philharmonikern

Auf der Liste von „Musik in Freiheit“ finden sich unter anderem Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters, der Münchner Philharmoniker und des Münchner Rundfunkorchesters. Überhaupt bewegen sich die Namen quer durch die Genres. Der Trompeter Markus Stockhausen, Sohn des Komponisten Karlheinz Stockhausen, ist dabei, der Oratorien-Bassist Klaus Mertens oder die Sängerin und Produzentin Julia Neigel. „Wir sehen jeden Menschen als einzigartiges Individuum, das auf Grundlage seiner Lebenserfahrung eigenverantwortliche Entscheidungen trifft“, schreiben sie.

Doch auch wenn die Liste wächst, deutet alles darauf hin, dass diese Künstlerinnen und Künstler deutlich in der Minderheit sind – sogar eine noch kleinere Gruppe bezogen auf die Quote der Nichtgeimpften in der gesamten Gesellschaft. Wie Michael Wuerges berichtet, sind mittlerweile 100 Prozent der Ensemblemitglieder und des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper geimpft. Im Staatsorchester bewege sich die Quote bei 90, im Chor bei knapp 90 Prozent. Sowohl ein Betriebsarzt als auch ein externer Mediziner kümmern sich laut Wuerges darum. Dreimal pro Woche gebe es zudem einen Schnelltest. „Und wer den Booster haben will, meldet sich einfach im Künstlerischen Betriebsbüro, dann wird das organisiert.“

Ungeimpfte gibt es an den Theatern kaum mehr

Am Gärtnerplatztheater habe man Ungeimpfte „zu einem niedrigen Prozentsatz“, teilt Sprecher Roman Staudt mit. Die Hygiene- und Schutzmaßnahmen „seien im Großen und Ganzen akzeptiert“. Sein Haus geht über die Maßnahmen der Staatsoper noch hinaus. Dort gibt es – ob geimpft oder nicht – täglich auf Kosten des Hauses einen PCR-Test. Bei den Münchner Philharmonikern betrage die Impfquote 90 Prozent, wie deren Sprecher Christian Beuke berichtet. Außerdem werde nach dem 3 G-Plus-Modell gespielt mit täglichen Schnelltests. Mittlerweile musiziere man wieder auf 1,5 Metern Abstand. „Unter diesen Voraussetzungen können Geimpfte wie auch Ungeimpfte mitwirken.“ Was auch heißt: Man kommt Letzteren ein Stück entgegen.

Noch etwas mehr vorangekommen ist man am Münchner Volkstheater, wo die Impfquote laut Sprecher Frederik Mayet rund 96 Prozent beträgt: „Es gab einige, die auch gezögert haben, aber die Debatte lief total harmlos ab.“ Die Immunisierung inklusive Booster-Impfung wurde vom Haus organisiert.

Früh hat das Staatstheater Augsburg auf die Corona-Entwicklung reagiert. Schon im vergangenen Frühjahr sei ein Mediziner fest engagiert worden, sagt Intendant André Bücker. Konfliktlinien „größerer Art“ habe es nicht gegeben. Im Schauspiel und im Ballett seien alle durchgeimpft, beim Gesang gebe es – ob Chor oder Ensemble – noch wenige Lücken. Bücker gibt sich realistisch: „Und wer bisher nicht erreicht werden konnte, bei dem wird es auch künftig schwierig.“ Immerhin habe man keinen einzigen Fall einer Infektionsweitergabe registriert.

Infektionsfälle beim Bayerischen Rundfunk?

Am wenigsten aus der Deckung wagt sich in dieser Frage der Bayerische Rundfunk mit seinen Klangkörpern Symphonieorchester, Rundfunkorchester und Chor. Die Impfquote liege „deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt“, teilt BR-Sprecher Markus Huber mit. Um an Proben und Konzerten teilzunehmen, müssten Ensemblemitglieder einen 2 G-Nachweis oder einen negativen PCR-Test erbringen. Letzterer werde regelmäßig angeboten. Nicht bestätigen wollte das Haus einen prominenten Infektionsfall: Dem Vernehmen nach hat sich Simon Rattle, künftiger Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, angesteckt. Wegen des Kontakts zu Musikerinnen und Musikern habe man für die aktuelle Probenwoche mit Herbert Blomstedt Umschichtungen im Ensemble vorgenommen, wird erzählt.

Auffallend ist an diesen Beispielen: Ausgerechnet im Orchester- und Gesangsbereich, in dem es zu erhöhten Aerosol-Ausstößen kommt, ist noch immer ein nennenswerter Anteil von Nichtgeimpften festzustellen. Offensive Gegner der Immunisierung finden sich auch unter freien Künstlerinnen und Künstlern. Berichtet wird hier etwa von einem in München sehr aktiven Barockorchester, in dem viele Impfgegner sitzen – und die sich im Grunde damit den eigenen Ast absägen.

Auch deshalb gehen immer mehr Kulturinstitutionen über zu einer offensiven Werbung. Das Münchener Kammerorchester hat als eines der ersten vor Monaten zur Impfung aufgerufen. In Dresden mit seiner niedrigen Immunisierungsquote wird auf Plakaten und Bannern geworben. Und am Berliner Ensemble spitzt ein Riesenschriftzug die Haltung des Hauses zu: „Impfung schützt Leben und die Kultur“.

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