Zubin Mehta
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Der Auftritt von Zubin Mehta wird nur im Hörfunk ausgestrahlt.

Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks

Corona-Konzerte: Warum ausgerechnet der Bayerische Rundfunk so wenig im Video-Stream zeigt

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Der BR zeigt kaum Video-Streams seines Vorzeigeorchesters: Wie sich eine Sendeanstalt ins Abseits spart.

Kürzlich war das Ensemble mal wieder im Internet zu sehen, für exakt eine Minute und 32 Sekunden. Nicht mit Mozart oder Beethoven, sondern mit „For he’s a jolly good Fellow“. Gedacht war das Mini-Video als Geburtstagsständchen zum 66. von Sir Simon Rattle, dem künftigen Chefdirigenten. Ansonsten ist das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, was Video-Streams betrifft, gerade auf merkwürdige Weise in der Versenkung verschwunden. Und das, obwohl man in diesen Wochen Weltstars unter Vertrag hat.

Andere wie die Bayerische Staatsoper oder die Münchner Philharmoniker tun’s in Corona-Zeiten ständig, doch der BR verbannt Promis wie Zubin Mehta am 28. Januar oder in dieser Woche Pianist Daniil Trifonov mit Dirigent Gustavo Gimeno oder kürzlich den Dirigenten François-Xavier Roth ins Hörfunkprogramm. Ausgerechnet eine Sendeanstalt lässt sich also weit hinter die Konkurrenz zurückfallen.

„Was wir können, machen wir“, sagt Oswald Beaujean, Leiter des Programmbereichs BR-Klassik. Nach außen möge dies womöglich „ein bisschen seltsam“ wirken. Aber auch für einen Sender wie den BR seien Video-Streams nicht ganz einfach zu realisieren. Dabei komme es zum Beispiel auch darauf an, ob eine Übertragung per Bild und Ton von sendereigenen Kräften zusätzlich bewerkstelligt werden könne oder ob der BR auf externe Teams zurückgreifen müsse. Dabei sind laut Beaujean „nicht unbeträchtliche Summen“ im Spiel, und dies außerplanmäßig zum bestehenden Budget. „Daher sind die Möglichkeiten, die Zahl dieser Streams beliebig zu erhöhen, wenn in Konzerten kein Publikum vor Ort erlaubt ist, leider sehr begrenzt.“

Immer mehr wichtige Planstellen werden gestrichen

Genaue Summen möchte Beaujean nicht nennen. Wie zu hören ist, soll ein Video-Stream, der von einer externen Firma produziert wird, gut 30 000 Euro kosten. Der BR befindet sich also in einer auch selbst verschuldeten Zwickmühle. Eine absurde Situation ist eingetreten, und dies nicht nur in München, sondern auch bei anderen Rundfunkanstalten. Immer mehr Planstellen wurden aufgrund der sich verschärfenden Spardebatte gestrichen. Davon betroffen sind unter anderem die Bereiche Kamera und Tontechnik, mithin also jene Sparten, die zum Kerngeschäft der Sender gehören. Seit Jahren geht dies schon so. Die Öffentlichkeit bekommt davon kaum oder nur mittelbar etwas mit. Wahrnehmbar wird dies in Krisenzeiten wie jetzt, da der BR seine Trümpfe ausspielen könnte oder sich auf seinen Rundfunkauftrag besinnen müsste.

Simon Rattle im vergangenen Sommer bei der Probe für einen Video-Stream. Im März kehrt er zu seinem künftigen Orchester zurück.

Die Münchner Philharmoniker, die fast wöchentlich ihre Programme im Video-Stream zeigen, sind in einer geringfügig besseren Situation. Sie können ihre Produktionen weiterverwerten, da sie diese an kommerzielle Klassikportale wie medici.tv verkaufen. Ein Teil der Kosten wird also refinanziert. „Seltenst werden Kosten voll gedeckt, mal gut, mal weniger gut“, teilt dazu Pressesprecher Christian Beuke mit. „Alles in allem bleibt es eine Investition in das eigene Marketing. In Zeiten, in denen der Kontakt zum Publikum aber vollständig gekappt wird und es die fast einzige Art der musikalischen Verbindung ist, ist es uns diese Investition aber wert.“

Für März ist Besserung in Sicht

Beim BR kommt noch dazu, dass bei Streams alle drei Klangkörper berücksichtigt werden müssen, also das Symphonieorchester, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor. Doch auch hier gibt’s derzeit nichts zu sehen: Das Programm mit Mozart-Arien, das sich das Rundfunkorchester ausgedacht hat, läuft am kommenden Sonntag nur im Hörfunk.

Immerhin ist beim BR-Symphonieorchester Besserung in Sicht. Für die nächsten Wochen wurden einige Video-Streams angekündigt. Am 5. Februar zum Beispiel ein Abend mit Bariton Christian Gerhaher und Dirigent Robin Ticciati, am 6. März gleich zwei Programme mit Simon Rattle und am 26. März eines mit der Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla. Möglich ist dies unter anderem, weil hierfür hauseigene Kamera- und Ton-Teams frei sind und keine Kräfte von außen zugekauft werden müssen. Und wer Superstar Zubin Mehta sehen will, muss sich eben an die Bayerische Staatsoper und die Münchner Philharmoniker halten. Am 25. Januar dirigiert er im Nationaltheater, am 30. Januar im Gasteig.

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