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Intendant der Bayerischen Staatsoper fordert: „Lasst 50 Prozent in den Saal!“

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Von: Markus Thiel

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Porträt Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper.
Kritisiert die Corona-Regeln: Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper. © Marcus Schlaf

An leere Reihen muss sich auch Serge Dorny erst gewöhnen. Der Intendant der Bayerischen Staatsoper hat sich sein erstes Amtsjahr anders vorgestellt. Doch es scheint, als würden die Hilfe- bis Panikrufe der Kulturszene von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zumindest nicht mehr überhört.

Der Protest der Kulturszene gegen Bayerns Corona-Regeln scheint Wirkung zu zeigen: Angeblich überlegt die Staatsregierung, den Opernhäusern, Theatern und Konzertsälen mehr als 25 Prozent Auslastung zu gestatten. Und auch über einer Inzidenz von 1000 könnte weiter gespielt werden. Wir sprachen mit Serge Dorny über die Situation der Bayerischen Staatsoper im Fast-Lockdown.

In Restaurants darf man auf engem Raum und nur mit 2G sitzen, essen und trinken, in der Kultur sind die Regeln in Bayern weiterhin viel restriktiver. Wie beurteilen Sie das?

Serge Dorny: Wir sind uns als Institution der Verantwortung hinsichtlich des Infektionsgeschehens sehr bewusst, und wir nehmen sie auch sehr ernst. Die Bayerische Staatsoper hat eine Platzkapazität von mehr als 2000 Plätzen. Momentan dürfen nicht mehr als 525 in den Verkauf. Ich nehme Ihr Beispiel auf: Ein Restaurant, 400 Sitzplätze, von denen es um die Oper herum einige gibt. Aktuell mit einer 2G-Regel und dann ohne Maskenpflicht am Platz. Ich bin mir völlig darüber im Klaren, dass Menschen Essen benötigen, um zu leben. Ich bin aber sicher, dass in einer so krisengebeutelten Zeit Kultur ein essenzielles Lebensmittel einer Gesellschaft sein kann. Diese beiden Bilder, Menschen kommen zusammen, nehmen essenziell Wichtiges zu sich, sind so ähnlich und werden doch so unterschiedlich behandelt.

Blick in den Delphi-Filmpalast während der Corona-Pandemie.
Corona-Regeln: In Kultursälen gilt 2G plus, Maskenpflicht und lediglich 25 Prozent Auslastung. © dpa Picture-Alliance / Gerald Matzka

Was kann die Staatsoper unternehmen, um das Ungleichgewicht zu beenden?

Serge Dorny: Eine gute Frage. Am liebsten würden wir unter den sehr hohen, vorhandenen Corona-Regeln Vorstellungen zu 50 Prozent belegen. Sicherer ist es nämlich nirgends im öffentlichen Leben. Es wird nicht nur unsere Aufgabe sein, sondern vor allem die Aufgabe der Politik, einen Umgang mit dem Virus zu finden, der uns ein planbares, geordnetes Leben führen lässt.

War die Kulturszene zu leise in den vergangenen Monaten? Oder wurde die Politik immer mehr taub?

Serge Dorny: Ich bin nicht sicher, ob es die Aufgabe der Kulturszene ist, laute Stimmung gegen Tagespolitik zu machen. Und ich will damit überhaupt nicht sagen, dass es angebracht gewesen wäre. Die Aufgabe von Politik und Kulturinstitutionen ist es, dort Visionen einer gesellschaftlichen Zukunft zu entwerfen, damit der Mensch einen Ort hat, Mensch zu sein. Vielleicht hätte man das lauter erwähnen sollen.

Biertrinker beim Anstoßen.
Corona-Regeln in der Gastro: 2G, keine Maske, keine Tests, volle Auslastung erlaubt. © Jan Woitas/dpa

Nicht nur die Staatsoper wurde durch die wechselnden Corona-Regeln immer wieder zum Umplanen gezwungen. Was bedeutet das für Sie?

Serge Dorny: Jede neue Verordnung bedeutet bei uns einen enormen Aufwand. Es müssen neue Saalpläne konzipiert werden, die verkauften Karten müssen komplett storniert werden und ein eingeschränktes Kontingent neu in den Verkauf gegeben werden. Das ist ein großer Aufwand für die Besucherkommunikation und die Kolleginnen und Kollegen an den Kassen, denn viele sind natürlich nicht erfreut, eine lang ersehnte Vorstellung dann doch nicht sehen zu können. Es ist Agilität und Durchhaltevermögen gefragt.

Besteht die Gefahr, dass Sie Teile Ihres Publikums unwiederbringlich verlieren?

Serge Dorny: Die Gefahr besteht natürlich! Nur glaube ich, dass nach vielen Einschränkungen der Punkt kommen wird an dem das Publikum wieder in die Museen und Theater kommen wird! Wir beobachten zwar, dass es Publikum gibt, das weiterhin sehr vorsichtig ist, sehen aber auch, dass vor allem jüngeres Publikum nun vermehrt die Möglichkeit nutzt, um in die Bayerische Staatsoper zu gehen.

Bayern versteht sich laut Verfassung als „Kulturstaat“. Ist das vor dem Hintergrund der jetzigen Situation noch gerechtfertigt?

Serge Dorny: Bayern ist ein Kulturstaat, und das ist auch gut so, denn Bayern hat eine reiche Kulturlandschaft. Der betreffende Verfassungsartikel geht jedoch weiter: „Der Staat schützt die kulturelle Überlieferung.“ Man muss sich schon die Frage stellen, ob die Möglichkeit der kulturellen Überlieferung bei den derzeitigen Einschränkungen tatsächlich noch gegeben ist.

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