Blick in die leere Münchner Olympiahalle
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Wann darf in der Münchner Olympiahalle unter welchen Voraussetzungen wieder etwas stattfinden? Ein Tabellen-Konzept der deutschen Veranstalter macht dazu präzise Vorschläge.

„Wir brauchen 100 Prozent“

Corona-Lockerungen: Konzertveranstalter legen eigenen Stufenplan vor

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Entweder auf- oder zusperren, dieses Konzept im Umgang mit der existenzell bedrohten Kulturszene wollen die deutschen Privatveranstalter nicht mehr akzeptieren. Sie schlagen nun einen detaillierten Stufenplan vor.

  • Die deutsche Veranstaltungswirtschaft fordert die Kulturpolitik mit einem detaillierten Stufenplan heraus.
  • Das Konzept berücksichtigt viele Eckdaten, darunter den Inzidenzwert, die Saalgröße und das Hygienekonzept.
  • Das „Manifest Restart“ wurde den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sowie dem Bundeskanzleramt übermittelt.

Per Verordnungsweg geht das seit einem knappen Jahr ziemlich einfach: verbieten oder stattfinden lassen, und dies vor 500, 200 oder wie im speziellen bayerischen Fall 50 Besucherinnen und Besuchern. Zu einfach, wie das Forum Veranstaltungswirtschaft findet. Die Verbände der deutschen Veranstalter haben sich hier zusammengetan, um das zu entwickeln, was die Politik bislang versäumt hat: ein detailliertes Konzept, unter welchen Voraussetzungen zum Beispiel ein Konzert stattfinden darf. Mehr noch: wie überhaupt das Kulturleben wieder hochgefahren werden kann.

„Experten der Veranstaltungswirtschaft wurden von der Politik bislang nur am Rande einbezogen“, kritisiert Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV). Das zeigten nicht zuletzt einzelne Stufenpläne der Länder, wie sie im Vorfeld der Beratungen von Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel kursieren. „Manifest Restart“, so der Titel des Gegenentwurfs, soll nun ein praxisorientiertes, hochdifferenziertes, deutschlandweit einheitliches Konzept liefern, auf dessen Basis die Termine geplant und durchgeführt werden können.

Test- oder Immunitätsnachweis erlaubt vollen Saal

Dazu wurde eine Tabelle, eine sogenannte Matrix, entwickelt, die nur auf den ersten Blick kompliziert wirkt. Doch erstmals finden hier alle Eckdaten Eingang, die für eine Veranstaltung wichtig sind: Inzidenzwert, Saalgröße, Bestuhlungsart oder Hygienekonzept. Letzteres ist dabei am wichtigsten: Das Manifest unterscheidet drei verschiedene Maßnahmenpakete. Erstens das einfache Abstandhalten mit Schutzmaske, Lüftung und simpler Kontakterfassung, zweitens Abstandhalten mit spezifischerem Hygienekonzept und besonderer Kontakterfassung, drittens Veranstaltungen mit Test- oder gleich Immunitätsnachweis.

Der Vorschlag sieht vor, dass Veranstalter und Genehmigungsbehörde anhand der Tabelle entscheiden können, ob und in welcher Form das Konzert oder die Aufführung nach Risikostufen durchführbar ist. An einem Beispiel lässt sich dies am besten verdeutlichen: In einem Saal zwischen 1000 und 5000 Plätzen wären laut dieser Matrix bei einem einfachen Schutzkonzept und einer Inzidenz zwischen 20 und 35 schon 75 Prozent der Besucher möglich. Steigt die Inzidenz auf über 35, darf die Veranstaltung nicht stattfinden.

Anders verhält sich das im selben Saal mit Schutzmaßnahmen der Stufe zwei. Bei einer Inzidenz über 35 könnten noch 50 Prozent der Tickets verkauft werden. Der optimale Fall wäre die Schutzstufe drei, also mit Test- oder Immunitätsnachweis. Hier dürften alle Veranstaltungen durchgeführt werden, vorausgesetzt, die Inzidenz steigt nicht über 200.

„Alles, was 2020 lief, war nicht rentabel“

Klingt vertrackt, ist es aber im Einzelfall nicht. Die Tabelle mit ihren Eckwerten lässt sich relativ schnell begreifen. Das „Manifest Restart“ bringt damit in die derzeitige Öffnungsdebatte eine neue Qualität. „Sie ist einfach verwendbar für Veranstalter und Behörden“, sagt Marten Pauls, Infektionsschutz- und Hygienebeauftragter des BDKV. Da die unterschiedlichen Spielstätten unterschiedliche Voraussetzungen mitbrächten, müssten sich die Anbieter schlicht daran orientieren. Es habe schließlich in den vergangenen Monaten „teilweise ausgezeichnete Konzepte“ gegeben, die dennoch an der Genehmigung gescheitert seien.

„Alles, was 2020 lief, war nicht rentabel“, ergänzt Timo Feuerbach, Geschäftsführer des Europäischen Verbands der Veranstaltungszentren. „Wir brauchen wieder 100 Prozent.“ Außerdem wolle man nicht die Corona-Maßnahmen untergraben, sondern „sichere Begegnungen möglich machen“.

Das „Manifest Restart“ liegt seit Montag bei den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sowie im Bundeskanzleramt. Ob und wie weit es Eingang in die Lockdown-Debatte findet, wird sich heute zeigen. Den Initiatoren ist nur zu bewusst, dass alles auf eine erhöhte Testkapazität zuläuft – so, wie es teilweise schon in Großbritannien praktiziert wird. Daher fordern sie finanzielle Unterstützung für den verstärkten Logistik-Aufwand. Bisher kursierende Stufenpläne böten keine verlässliche Grundlage, um Veranstaltungen zu planen. Außerdem seien sie uneinheitlich. „Uns ist natürlich klar, dass die Bundeskanzlerin nicht am 25. März wieder alles aufsperren lässt“, sagt BDKV-Präsident Jens Michow. „Uns geht es darum, was auf der jeweiligen Risikostufe möglich ist.“

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