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Christian Gerhaher über die Zeit nach der Pandemie: „Das Kulturleben versandet“

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Von: Markus Thiel

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Christian Gerhaher
„Dass die Politik gravierende Fehler gemacht hat, ist aus der Sicht unserer Initiative eindeutig“, sagt Christian Gerhaher. © Clive Barda

Gerade ist er in Wien und probt für die Premiere von Bergs „Wozzeck“. Überhaupt hatte Christian Gerhaher während der Pandemie gut zu tun – was auch mit der kleinen Form des von ihm bevorzugten Liedgesangs zu tun hat. Außerdem ist der Münchner Bariton einer der Köpfe der Initiative „Aufstehen für die Kunst“, die gegen die Kultur-Lockdowns kämpft. Zeit für eine erste Bilanz dieser schwierigen beiden Jahre also. Für den 52-Jährigen ist klar: Das Kulturleben wird sich von den Einschränkungen nicht mehr ganz erholen.

In unserem Gespräch zu Anfang der Pandemie sagten Sie: „Vielleicht ändert sich auch mein künstlerisches Leben.“ Ist das passiert?

Es ist noch nicht Zeit zu resümieren, die Pandemie ist nicht vorbei. Aber – ja, es hat sich geändert. Vieles wurde abgesagt, vieles hat an Selbstverständlichkeit verloren. Mein eigenes Leben ist da allerdings nicht so wichtig. Was ich insgesamt bemerke: Stellenwert und Selbstsicht der Kulturinstitutionen haben sich stark geändert.

Weil die Kulturinstitutionen frustriert darüber sind, wie nachrangig sie behandelt wurden?

Ich glaube eher, dass den Institutionen, die im Vergleich zur Laienmusik und zu vielen selbstständigen Solisten oder zur Nachwuchsförderung gut überlebt haben, eines dämmert: Die reduzierten Zuschauerzahlen werden nicht mehr lange als Entschuldigung dafür dienen, wenn die Häuser gar nicht mehr voll werden. Man weiß eigentlich nicht, wie dieses Defizit an Besuchern jemals wieder ausgeglichen werden kann.

Wird alles wieder zum Status quo vor der Pandemie zurückkehren nach einer wie auch immer gearteten Übergangsphase?

Ich glaub‘s eher nicht. Ich würde mich freuen, wenn es passieren würde. Was ich aber bemerke, seit ich professionell arbeite: Der Bereich der sogenannten klassischen Musik hat wesentlich weniger Bedeutung und genießt wesentlich weniger Aufmerksamkeit im Vergleich zu jener Zeit, in der ich als Rezipient damit aufgewachsen bin. Diese unglaubliche Präsenz von Künstlern wie Hermann Prey, Fritz Wunderlich oder Dietrich Fischer-Dieskau beispielsweise gibt es heute nicht mehr. Und: Die Künste in unserem Land wurden durch politische Eingriffe – speziell im „Lockdown light” Ende 2020 – in einem zweifelhaften Maße gefährdet und geschädigt. Und unsere Initiative „Aufstehen für die Kunst“ ist überzeugt, dass manches im Rahmen der Pandemie gefällte Gerichtsurteil im Rückblick als Fehlurteil bewertet werden wird. Dass etwa statt von der Politik zu fordern, freiheitseinschränkende Maßnahmen zu begründen, betroffene Künstler nachzuweisen hätten, dass diese Maßnahmen nicht notwendig seien, kann in seiner Absurdität eigentlich nur mit Ängstlichkeit erklärt werden – in unseren Augen eine sehr schwache und vor allem enttäuschende Position.

Kann es trotzdem sein, dass die Pandemie auch ein Katalysator ist? Muss sich die Kulturszene jetzt erst recht Strategien überlegen, wie sie das Publikum besser erreicht?

Die Frage, wie man das Publikum für seine Sache mehr interessiert, betrachte ich mit einer gewissen Distanz. Wenn ein „Parsifal“ in ein Fitnessstudio verlegt werden muss, um ihn attraktiv zu machen, dann ist das meinem Empfinden nach schwach. Ich verstehe bei Regisseuren diese Aktualisierungsmanie nicht. Warum muss man einem Inhalt, den differenziert zu begreifen doch eine große und ehrende Aufgabe ist, so skeptisch begegnen, indem man ihn aufpeppt und damit sehr oft banalisiert? Diese Entwicklung ist schon lange problematisch. Sie zeugt von einer tief liegenden Skepsis Kunstwerken gegenüber.

Demnach lehnt sich die Kultur zurück mit der Haltung: „Wir sind gut und wichtig, wir bieten Qualität, also kommt zu uns.“ Oder muss man sich gerade jetzt ein, zwei Schritte aufs Publikum zubewegen?

Meine Überzeugung ist: Das Angebot einer Kunst, die weniger Effekt und Wirkung als Bedeutung sucht, ruft letztlich Interesse hervor. Natürlich aber müssen wir etwas tun. Zwei Jahre lang konnten wir den Nachwuchs – nicht nur bei den Künstlern, sondern auch beim Publikum – nicht fördern oder überhaupt kreieren. Das schlägt ein riesiges Loch in die gesamte Struktur. Dazu kommt die seit Jahrzehnten zunehmende Vernachlässigung künstlerischer Inhalte in jenen Ausbildungsstätten, die am wichtigsten sind: in den Schulen. Natürlich sind Education-Projekte von Theatern und Orchestern nicht wegzudenken. Aber sie können eine Konfrontation mit den Künsten in den Schulen nicht im Geringsten ersetzen. Das ist auch und vor allem ein Problem des sich in seiner Verfassung „Kulturstaat“ nennenden Landes Bayern.

Welche konkreten Vorwürfe machen Sie der Kulturpolitik in der Pandemie?

Es geht nicht darum, Vorwürfe zu machen. Ich bin erfreut darüber, dass es wenigstens ein bisschen so scheint, als habe die Politik dazugelernt. Dass sie gravierende Fehler gemacht hat, ist aus der Sicht unserer Initiative „Aufstehen für die Kunst“ eindeutig. Deshalb gibt es die noch immer anhängende Klage vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof, ob der „Lockdown light“ vor eineinhalb Jahren erlaubt war. Wir glauben, dass er in keiner Weise gerechtfertigt war. Er hat den Künsten extrem geschadet, besonders im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen. Das verfassungsrechtliche Staatsziel Kultur wurde dadurch ausgehöhlt. Es geht also darum, dass Fehler der Politik, für die wir niemanden beschimpfen möchten, klar als solche bezeichnet werden, um in künftigen, vergleichbaren Situationen die Künste besser zu schützen.

Was heißt das konkret? Die Freiberufler besser absichern?

Ich meine weniger die finanzielle Ausstattung. Da kann man der öffentlichen Hand  keinen großen Vorwurf machen – die Situation war zunächst unübersichtlich. Die Überbrückungsgelder haben aber geholfen, dass immerhin die Institutionen überlebten. Vorerst zumindest. Ich meine die freie Ausübung unseres Berufs, die durch die Lockdown-Regel so ungerechtfertigt beschnitten wurde. Andere gesellschaftliche Bereiche wurden besser behandelt als die darstellenden Künste, ohne dies aber durch Studien erklären zu können und unter Nichtbeachtung bestehender Studien zur vergleichsweise großen Ungefährlichkeit ihrer Aufführungsstätten. Man kann eigentlich nicht umhin, diese Entscheidung willkürlich zu nennen.

„Aufstehen für die Kunst“ protestiert schon länger. Vor einigen Wochen gab es in Bayern einen konzertierten Aufschrei aus der Kulturszene, weil man sich schlechter gestellt fühlte als die Gastronomie. Plötzlich zeigte die Staatsregierung Verständnis. Hätten Künstlerinnen und Künstler früher und lauter ihre Stimmen erheben sollen?

Wie hätte man das machen sollen? Unsere Initiative war laut genug. Im Gegenteil: Irgendwann sind wir im Grundrauschen fast untergegangen, weil alle dachten: Deren Meinung kennen wir. Man kann den Künsten jedoch ganz prinzipiell keine Schuld zuweisen. Wie die Wissenschaften verkörpern diese eine Welt, die in ihrer  Kreativität von individuellem Handeln geprägt ist und deshalb nicht leicht mit einer Stimme spricht. Deswegen ist es auch so sinnvoll, dass Freiheit von Wissenschaft und Kunst im Grundgesetz im selben Artikel geschützt werden. Diese gesellschaftlichen Bereiche müssen eine besondere Art der freien Entfaltung garantiert bekommen: Der Staat muss die Künste schützen, nicht sie selbst müssen das tun. Deshalb ist es so wichtig, dass der Schutz der Kultur ins Grundgesetz übernommen wird.

Brachte die Pandemie mehr Solidarität unter den Künstlerinnen und Künstlern? Oder geht jeder wieder seine eigenen Wege, wenn es halbwegs normal geworden ist?

Wenn wir uns solidarisiert haben, dann nur aus Notwendigkeit. Schlagkräftige Kunstgewerkschaften wird es meines Erachtens nicht geben. Das liegt am Wesen unserer so individuellen Beschäftigung.

Wie wird also das Kulturleben aussehen in fünf, sechs Jahren?

Ich befürchte, dass vor allem die Laienmusik so großen Schaden erlitten hat, dass sie sehr geschwächt in die Zukunft gehen wird. Das betrifft die Institutionen, das betrifft aber auch den möglichen Nachwuchs. Wie sollen Chöre Nachwuchs bekommen, wenn zwei Jahre nicht gesungen wurde? Da mache ich mir große Sorgen. Gleichzeitig wirkt sich das auf das Publikum von morgen aus. Ein Beispiel: In der Londoner Wigmore Hall sind Gerold Huber und ich sehr häufig zu Gast. Es ist unser liebster Ort für den Liedgesang. Eigentlich immer mit zwei ausverkauften Abenden pro Programm. Jetzt ist es aber schon schwieriger geworden. Und so ist es auch bei anderen Veranstaltungen. Es herrscht eine Angst vor Ansteckung. Das Interesse scheint momentan nicht mehr so mobilisierbar wie früher.

Wenn nun der Druck auf die Kultur zunimmt…

…da ist kein Druck. Es ist eher so ein Versanden an den Seiten. Es ist wie ein Verblassen unserer Tätigkeit und unserer Inhalte aufgrund von Desinteresse.

Worauf ich hinauswill: Bedeutet dies, dass es eine noch größere Verarmung des Repertoires geben wird? Weil man nur noch mit den Hits lockt?

Das war schon lange so, dass nach wenigen zentralen Repertoirestücken gefragt wird. Vor allem bei privaten Veranstaltern. Ich glaube, dass eine Ehrlichkeit und relative Direktheit, der Versuch also, Inhalte unverstellt und wahrhaftig zu vermitteln, dass dies die einzige Möglichkeit ist, um als Künstler zu überleben. Auch wenn der Vergleich hoch gegriffen ist: Könnte man sich einen Sophokles vorstellen, der seine Dramen unehrlich konzipiert und sich von der maximalen Wirkung hätte leiten lassen? Dann hätten diese doch niemals zweieinhalbtausend Jahre überlebt. Eine Anbiederung mag zwar taktisch funktionieren, aber strategisch ist sie ein schlechter Rat, und ethisch, wenn ich das so sagen darf, ohnehin. Und wir können unseren Beruf nicht ehrlich ausüben, indem wir immer dasselbe machen. Ein breit gefächertes Repertoire Grundlage für unseren Erfolg.

Das sagt ein berühmter Sänger, von dem das Publikum viel akzeptiert und annimmt.

So etwas kann sich schlagartig ändern. Wie oft kommt es doch vor, dass die Leute sagen: Von dem haben wir genug. Das wird auch bei mir irgendwann so sein. Außerdem waren Gerold Huber und ich in den vergangenen 30 Jahren nicht nur auf Rosen gebettet, sondern auch mit mangelndem Erfolg konfrontiert. Wir mussten lange genug kämpfen, dass wir wahrgenommen werden. Das alles hat uns aber glücklicherweise nicht dazu verführt, dass wir uns angebiedert oder als Rattenfänger betätigt hätten, es wäre uns auch nicht gelungen. Wir müssen den Inhalten der Werke wieder mehr vertrauen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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